Warum es US-Sports in der Schweiz so schwer haben

Baseball, American Football und Basketball locken in den USA Milliarden in die Stadien und vor die Bildschirme. Auch in der Schweiz existieren die Sportarten, allerdings unter völlig anderen Voraussetzungen.

Was in Amerika ein Milliardenbusiness ist, findet in der Schweiz unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und das, obwohl in der Schweizer Gesellschaft ein Drang zur Amerikanisierung herrscht. Sobald ein Trend aufs US-Festland schwappt, erobert er rasch auch die eurasische Platte. 

So sind beispielsweise Facebook, McDonald’s und Hollywoodblockbuster längst integraler Bestandteil des Alltags der europäischen Bevölkerung. Doch die seit Jahren wichtigsten Sportarten der USA fristen am anderen Ufer des Atlantiks ein absolutes Nischendasein. Die «Nordwestschweiz» hat die US-Sportszene in der Schweiz besucht und Ursachenforschung betrieben, wieso sich Baseball, American Football und Basketball in der Schweiz nicht durchsetzen.

Zunächst führt uns unser Weg nach Therwil. Als wir um 14 Uhr das Sportgelände Känelboden betreten, staunen wir. Eigentlich sollte jetzt das dritte Spiel der Final-Serie um die Schweizer Meisterschaft der Therwil Flyers gegen Barracuda Zürich stattfinden, doch auf dem zum Baseballplatz umgebauten Fussballrasen regt sich nichts. Es regnet. «Wir haben das Spiel spontan um 90 Minuten verschoben, Baseballer sind Schönwettersportler», ruft uns ein Spieler zu. Die Heimmannschaft wartet in einer benachbarten Garage, bis der Regen nachlässt.

Die Sonne scheint. Es kann gespielt werden. Die «Offense» der Flyers wartet unter einem Zelt auf ihren Einsatz.

Die Sonne scheint. Es kann gespielt werden. Die «Offense» der Flyers wartet unter einem Zelt auf ihren Einsatz. © Jakob Weber

Um 15.30 Uhr geht es dann plötzlich und ohne Ankündigung los. Ohne musikalische Untermalungen, Speaker oder Matchblatt. Immerhin, zur Verköstigung wurden kurzfristig ein Zelt und ein paar Bierbänke aufgebaut. Nach amerikanischem Brauch gibt es dort schmackhafte Burger, Subway-Sandwiches und Getränke. Der Essenstand ist die einzige Einnahmequelle der Flyers – der Eintritt zum Spiel ist frei.

Nur etwa 80 Zuschauer haben sich auf den Bierbänken oder auf selber mitgebrachten Campingstühlen niedergelassen. Sie scheinen zu wissen, dass Baseballspiele etwa drei Stunden dauern und die Partie wird zu Beginn nur nebenbei verfolgt. Man plaudert stattdessen bei einem Burger oder einem Bier auf Englisch oder Deutsch über Gott und die Welt und geniesst die familiäre Stimmung.

Beim Essenszelt kann man seine Burger selber machen.

Beim Essenszelt kann man seine Burger selber machen. © Jakob Weber

Im Spiel nimmt das für den Ausgang der Partie elementare, aber für den Laienzuschauer schwer durchschaubare Duell zwischen Werfer (Pitcher) und Schläger (Batter) einen Grossteil der Spielzeit in Anspruch. Sogenannte «Action» gibt es nur, wenn der Batter den Ball trifft und dieser von der «Defense» nicht direkt aus der Luft gefangen wird.

Das strategische Duell zwischen Batter (l.) und Pitcher (r.) dominiert das Spielgeschehen.

Das strategische Duell zwischen Batter (l.) und Pitcher (r.) dominiert das Spielgeschehen. © Jakob Weber

Ansonsten dümpelt das von Strategie geprägte Spiel vor sich hin. «Körperlich anstrengend ist ein Baseballspiel ausser vielleicht für Pitcher und Catcher kaum, vielmehr ist es die Psyche, die das Spiel entscheidet», sagt eine Spielerin der Frauenmannschaft, die das Spiel ihrer Herren verfolgt, welches nun in die entscheidende Phase geht. Die Zuschauer widmen sich jetzt dem Geschehen auf dem Rasen. Bei gelungenen Aktionen kommt sogar so etwas wie Stimmung auf. Am Ende gewinnen die Flyers das Spiel.

Einige Zuschauer haben eigene Sitzgelegenheiten mitgebracht.

Einige Zuschauer haben eigene Sitzgelegenheiten mitgebracht. © Jakob Weber

Gründe, wieso sich Baseball in der Schweiz nicht durchsetzt, gibt es viele. Neben der Komplexität der Regeln und der Strategie ist der Sport historisch nicht verankert. Jugendliche kommen selten bis gar nicht in Kontakt mit der Sportart und in der Schule wird Baseball kaum gespielt. Zudem fehlt es bei uns an Fachkräften und Trainern, die den Schweizer Baseball vorantreiben könnten.

All das führt dazu, dass Baseball auch medial keine Rolle spielt. Ein Profileben als Baseballer in der Schweiz ist quasi unmöglich, da keinerlei Geld vorhanden ist. In der NLA haben die Teams meist ein bis zwei Amerikaner, die für Kost und Logis Schlüsselpositionen, wie die des Coaches oder des Pitchers, bekleiden. Für alle anderen Spieler bleibt Baseball in der Schweiz ein Hobby.

American Football: weite Anreise, viele Trainings

Wir besuchen die Schweizer Nationalmannschaft im American Football. Auf dem Areal der Sportanlage Rankhof in Basel herrscht fünf Stunden vor Spielbeginn buntes Treiben. Für die Schweizer Delegation steht ein wichtiges Länderspiel an.

Wenn sie es schafft, gegen die Slowakei zu gewinnen, ist sie nächstes Jahr an der B-Europameisterschaft dabei. Die meisten Zuschauer dürften aber wegen des Juniorenspiels des FC Nordstern vor Ort sein. Im Gegensatz zu den Schweizer Spielern sind die Slowaken bereits da. Sie sind mit dem Bus angereist.

Trotz der langen Anreise trainieren die 45 slowakischen Nationalspieler bereits auf einem Spielfeld. Etwas abseits der mit breiten Schulterpolster und Helm ausgerüsteten Spieler haben ein paar Betreuer und Fans Liegestühle aufgestellt und geniessen Bier aus der Dose. Die Stimmung ist ausgelassen, Sprüche werden geklopft.

Kurz vor 14 Uhr treffen nach und nach die Schweizer ein. Vier Romands haben sich in ein Auto gequetscht – verständlich, da die Anreise wie vieles hier Privatsache ist und so die Kosten geteilt werden. Für die Schweizer ist American Football ein zeitintensives, kostspieliges Hobby, das neben Arbeit oder Studium Platz finden muss.

Viele NLA-Klubs leisten sich ein bis zwei «Import»-Spieler aus den USA, denen sie einen Spielerlohn bezahlen. Es sind oft Spieler aus den College-Ligen, die den Sprung in den amerikanischen Profisport nicht geschafft haben. Auch im Schweizer Football sind die Amerikaner wichtig.

Wobei: Ein Mann mit Wurzeln in der Schweiz hat in den USA den Durchbruch geschafft: Ben Roethlisberger, dessen Ur-Urgrossvater 1873 aus dem Emmental in die USA übersiedelte, gewann 2006 und 2009 mit den Pittsburgh Steelers die Super Bowl und ist aktuell der bestverdienende Footballer der USA.

Vor dem Spiel wärmen sich die Spieler auf. Die Ohren registrieren sofort, dass die komplette Interaktion auf dem Feld in Englisch ist. So zählt man bei Kraftübungen von «One» bis «Ten» oder ruft: «Are you ready?» Irgendwie komisch.

Kurz vor 18 Uhr betreten die acht Schieds- und Linienrichter und die Mannschaften das Feld, angefeuert von Cheerleadern in knappen Kleidchen. Mittlerweile hat sich die Tribüne etwas gefüllt. Gut besucht ist das Spiel aber nicht. Fraglich, ob 20 Franken Eintritt angemessen sind. An der Summe dürfte es aber nicht liegen, dass Football in der Schweiz keine Erfolgsgeschichte wird. Zumal die Meisterschaftsspiele in der Regel weniger kosten.

Davide Ugoccioni, Nationalspieler und ein Luzerner «Lion», sieht die Mängel in der Basis: «Es mangelt an Sponsoren, daher sind die Reisen und die Ausrüstung für die Spieler sehr kostspielig.» Nati-Kollege Tino Muggwyler von den Calanda Broncos fügt an: «Um in der NLA spielen zu können, gehören fünf bis sechs Trainingseinheiten pro Woche dazu. Trotzdem verdient man keinen Rappen. Das macht keiner mit, der nicht eine absolute Leidenschaft aufbringt.»

Auch die komplizierten Regeln sehen Ugoccioni und Muggwyler als Zuschauer-Dämpfer. Doch oft sind Speaker vor Ort, die während des Spiels alle Aktionen erklären. Manchmal meldet sich auch der Hauptschiedsrichter per Mikrofon zu Wort, um den Grund für ein Foul zu erklären.

Die Zuschauer haben aber sowieso vor allem Augen für die tanzenden, jungen Frauen, die durch waghalsige Pyramiden oder einstudierte Choreografien am Spielfeldrand die Spieler motivieren. Auch hier fällt auf, dass die Sprechgesänge auf Englisch sind.

Allzu viel Spannung bietet die Partie nicht. Zumindest nicht für Zuschauer, die zum ersten Mal ein American-Football-Spiel besuchen. Die Angriffe dauern nur wenige Sekunden, ehe sie von der gegnerischen Abwehr gestoppt werden.

Bis sich die Parteien wieder positioniert haben, vergeht die Zeit langatmig. Vielleicht lag die fehlende Spannung an diesem Abend auch daran, dass die Schweizer den Slowaken masslos überlegen waren und sie mit 21:0 abfertigten. Die Schweiz reist nächstes Jahr an die B-EM.

Basketballverband setzt auf Schweizer

Wir gehen weiter nach Birsfelden in die Halle des hier ansässigen Basketballteams aus der NLA, den Starwings Birsfelden. Beim ersten Heimspiel der Saison gastiert der Aufsteiger aus Winterthur im Baselbiet. Das erste Viertel beginnt in der nur mässig gefüllten Mehrzweckhalle. Per Lautsprecher versucht der Speaker, die knapp 600 Zuschauer zu motivieren, sich zu erheben und solange zu klatschen, bis die Starwings zum ersten Korberfolg kommen.

Murphy Burnatowski (r.) schnappt sich den Rebound. Die Zuschauerränge im Hintergrund sind nur spärlich besetzt.

Murphy Burnatowski (r.) schnappt sich den Rebound. Die Zuschauerränge im Hintergrund sind nur spärlich besetzt. © Juri Junkov

Es ist ein hoffnungsloser Versuch Stimmung unter dem Hallendach zu erzeugen. Der Enthusiasmus hält sich in Grenzen. Die Szene ist typisch für den Schweizer Basketball, der sich nach wie vor schwertut – vor allem in der Deutschschweiz.

Erst seit dieser Saison sind mit dem BC Winterthur und Swiss Central Basket zwei weitere Deutschschweizer Teams in der NLA – dank Aufstockung. «Diese Entwicklung ist wichtig, denn ohne das Zugpferd Deutschschweiz wird es kaum möglich sein, den Basketball in der gesamten Schweiz populärer zu machen», sagt Coach Daniel Rasljic des Aufsteigers Winterthur.

Verglichen mit Baseball und Football spielt Basketball in Europa eine grössere Rolle. Man zahlt in Birsfelden Eintritt. Statistiker, Fotografen und Journalisten sind vor Ort und Sponsoren werden rund ums Spielfeld präsentiert. Auch wenn die Schweizer Liga und das Nationalteam im europäischen Vergleich chancenlos sind, besitzen die Vereine der NLA doch das Geld, einige ausländische Profispieler unter Vertrag zu nehmen.

Devonte Upson (l.) ist einer der drei Ausländer der Starwings, die in der Schweiz Profistatus geniessen.

Devonte Upson (l.) ist einer der drei Ausländer der Starwings, die in der Schweiz Profistatus geniessen. © Juri Junkov

Ein Vergleich mit der Nordamerikanischen Basketball Association (NBA) ist jedoch ernüchternd. Der Jahresetat des Schweizer Meisters Lions de Genève beträgt 1,2 Millionen Franken. Die Starwings müssen mit 400 000 Franken auskommen. Das ist für ein ganzes Team in etwa so viel wie der schlechtbezahlteste NBA-Spieler pro Jahr ungefähr verdient.

Um den Schweizer Basketball in Zukunft populärer zu machen, hat Swiss Basketball neben der Aufstockung der NLA einen zweiten Schritt getan. Seit der neuen Saison gilt die neue Ausländerregel, die besagt, dass pro NLA-Team nur noch drei Nichtschweizer im Kader stehen dürfen. Der Verband erhofft sich so, langfristig die Basketballszene im Alpenland zu fördern und den vielen Schweizer Talenten bessere Aussichten auf ein Profidasein zu geben.

Momentan wird der Schweizer Basketball noch sehr von den ausländischen Spielern geprägt. Roland Pavlovski, Trainer der Starwings, erklärt, dass im Moment nur etwa zehn Schweizer Spieler in der gesamten Liga einigermassen mit dem Niveau der Ausländer mithalten können.

Aufgrund der Reglementierung der Ausländer gibt es in dieser Saison weniger Spektakel.

Aufgrund der Reglementierung der Ausländer gibt es in dieser Saison weniger Spektakel. © Juri Junkov

Doch seit der Reduktion ausländischer Profispieler hat sich das Spielniveau drastisch verschlechtert. «Pro Partie erzielen die Mannschaften in dieser Saison weniger Punkte als im letzten Jahr. Ohne Spektakel wird es schwer, die Menschen für den Basketball zu begeistern», kritisiert Pavlovski die neue Regelung. Doch auch sonst haben es die US-Sportarten nicht leicht.

4,5 Millionen Dollar für einen 30-Sekunden-Werbespot

Die Super Bowl. Purer Inbegriff für Sport, Werbung und Spektakel. Kein anderer Final generiert in den USA so viel Aufmerksamkeit und Umsatz wie das Endspiel der American-Football-Saison. Ein 30-Sekunden-Werbespot kostet satte 4,5 Mio. Dollar und auch Musik-Stars wie Katy Perry oder Lenny Kravitz, die dieses Jahr eine spektakuläre Halbzeitshow zeigten, lassen sich vom Veranstalter teuer bezahlen. Doch es lohnt sich, schalteten am 1. Februar 2015 doch 170 Millionen Amerikaner ein, um das grösste Einzelsportereignis der Welt zu verfolgen. Football hat Baseball von der Spitzenposition der amerikanischen Lieblingssportarten verdrängt.

Doch immer noch besuchen jährlich 110 Millionen Zuschauer die Spiele der amerikanischen Baseball-Profiligen. Das gemeinsame Sportschauen gilt in den USA weithin als das Vater-Sohn-Erlebnis schlechthin. Wie auch die National Football League (NFL) ist die Major League Baseball (MLB) die weltweit beste Profiliga. Ziel eines jeden ambitionierten Baseballspielers ist ein Platz bei einer MLB-Mannschaft.

Die San Francisco Giants haben einen Wert von zwei Milliarden Dollar. Der Spieleretat des mit drei Meistertiteln in den letzten fünf Jahren erfolgreichsten Baseballteams der jüngeren Vergangenheit liegt bei 176 Millionen Dollar. So viel zahlt in etwa auch der deutsche Fussballkrösus FC Bayern München pro Saison seinen Spielern im Profikader.

Auf Rang drei der beliebtesten Sportarten Amerikas liegt Basketball. Als Indoor-Sportart kommen die Korbjäger mit durchschnittlich 18 000 Besuchern zwar nicht an die Outdoor-Sportarten American Football und Baseball heran, doch die Begeisterung der Amerikaner ist ungebrochen. Neben den Playoffs ist das Allstargame, bei dem die besten Spieler des Ostens gegen die besten Spieler des Westens antreten, der Höhepunkt der NBA-Saison. Im Jahr 2010 strömten 108 713 Zuschauer zu diesem Ereignis, das im Footballstadion der Dallas Cowboys ausgetragen wurde, und sorgten für einen Zuschauerrekord. Bestbezahlter Basketball-Profi der Welt ist LeBron James von den Cleveland Cavaliers, der vor allem durch Werbeeinnahmen im letzten Jahr 82 Mio. Dollar verdient hat. Zum Vergleich: Roger Federer hat im gleichen Zeitraum gut 87 Mio. erwirtschaftet.

82 Millionen für Basketball? In der Schweiz unmöglich. Zurzeit gibt es nur wenige Spieler, die hierzulande in den US-Sportarten ein Profidasein führen können. Durch geringes Zuschauerinteresse und fehlende Geldgeber mangelt es schon an der Basis. Die US-Sportarten fristen in der Schweiz ein unauffälliges Nischendasein.

In Gemeinschaftsarbeit mit Mira Günthert entstanden. Dieser Artikel wurde auf aargauerzeitung.ch veröffentlicht.

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