Christian Constantin: «Holt er Titel, bleibt er Trainer!»

Sion–Präsident Christian Constantin spricht in der Woche der Wahrheit vor den richtungsweisenden Pokalspielen gegen Liverpool und Basel über Didier Tholots Jobsicherheit, seine englischen Lieblingsspieler und Geld.

Der FC Sion steht in der Woche der Wahrheit. Mit den Spielen gegen Liverpool und Basel können die Walliser, die durchwachsene Hinrunde vergessen machen, und den Ansprüchen von Präsident Constantin gerecht werden.

Christian Constantin, sind Sie ein glücklicher Präsident?

Christian Constantin: Warum stellen Sie mir diese Frage? Diese Frage nervt. Ich bin grundsätzlich ein glücklicher Präsident. Momentan lastet aber ein riesiger Druck auf meinen Schultern. Wir stehen vor zwei extrem wichtigen Spielen gegen Liverpool und Basel. Danach werden wir sehen, ob ich ein sehr glücklicher Präsident bin oder nicht.

Der Wert der Spiele gegen Liverpool und Basel ist also enorm.
Diese Spiele sind für den FC Sion fundamental. In beiden Partien geht es um das Überleben in einem Wettbewerb. Das ist speziell.

Welches Spiel ist wichtiger?
Bis Donnerstag ist Liverpool wichtiger, ab Freitag ist es der FC Basel.

Möchten Sie lieber in der Europa League oder im Schweizer Cup überwintern?
Ich will beides. Wenn du gut arbeitest, wenn du mehr läufst, wenn du voll konzentriert bist und wenn das Publikum uns unterstützt, schaffen wir es. Dann gewinnen wir beide Spiele.

Liverpool zu Gast im ausverkauften Tourbillon, die Qualifikation vor Augen. Das ist doch unglaublich.
Halt! Wir haben die Qualifikation noch nicht geschafft. Erst dann ist es unglaublich.

Liverpool wird im Hotel Palace in Montreux logieren. Sind Sie bei der Ankunft der «Reds» mit dabei?

Nein. Ich bin doch nicht der Hausmeister vom Palace.

Woran denken Sie, wenn Sie den Namen Liverpool hören?
Liverpool? Das ist für mich Kevin Keegan (Der Stürmer erzielte zwischen 1971 und 1977 in 230 Spielen 68 Tore für Liverpool. d. Red.) Damals hatten sie eine grosse Mannschaft.

Kevin Keegan? Nicht Steven Gerrard?

Definitiv Keegan. Ich habe Keegan und Liverpool 1977 im Letzigrund gegen Zürich gesehen. Das war der Halbfinal des Meistercups. Liverpool gewann mit 3:1. Es war das erste Mal, dass ich ein Spiel der «Reds» im Stadion verfolgt habe. Ich bin mit einigen Freunden nach Zürich losgezogen. Das Erlebnis habe ich bis heute nicht vergessen. Damals waren 30 000 Zuschauer im Letzigrund. Das ist bis heute Rekord.

Gingen Sie wegen Zürich oder Liverpool zum Spiel?

Ich ging wegen Keegan. Das war der Anfang der legendären Zeit des FC Liverpool. Keegan habe ich auch später, als er in Hamburg war, noch verfolgt. Aber es gibt noch einen andern englischen Spieler, der mich fasziniert hat. Raten Sie mal wen?

Sagen Sie es uns.

George Best von Manchester United. Best war ein verrückter Kerl. Eine Persönlichkeit. Beidfüssig, dynamisch, dribbelstark! Best hat mal gesagt: «Ich wohne am Meer, doch das Meer habe ich nie gesehen, weil zwischen meinem Haus und dem Strand ein Pub war.» Nach Best kam Keegan. Ich habe beide bewundert.

Wo steht der FC Liverpool von heute im Vergleich zu damals?

Von der Mannschaft um Keegan aus den späten Siebzigern sind die «Reds» heute weit entfernt. Auch das Liverpool um Steven Gerrard, dass 2005 sensationell gegen Milan ein 0:3 aufholte und im Elfmeterschiessen die Champions League gewann, kann da kaum mithalten. Obwohl das für den Verein ein enormer Exploit war. Das Spiel habe ich mit meinem Sohn geschaut. Er ist grosser Milan-Fan, ich war für Liverpool. Er wusste am Ende nicht mehr, wie ihm geschah.

Sie sind also ein Fan des FC Liverpool?

Ich bin Fan von allem, was mit Fussball zu tun hat.

Heute ist der grosse Star von Liverpool kein Engländer, sondern ein Deutscher. Jürgen Klopp: Kennen Sie ihn?

Nein. Ich habe Klopp bisher nur einmal die Hand gegeben. Das war zu Beginn dieses Jahres im Trainingslager in Murcia. Ich mag die Dynamik, die er seinen Teams einimpft. Er ist der richtige Mann für Liverpool.

Was würde eine Sechzehntelfinal-Qualifikation für den FC Sion bedeuten?

Die Qualifikation wäre die Krönung. Dann sind wir definitiv zurück im europäischen Geschehen. Das war immer mein grosses Ziel. 2003 mussten wir den Europacup aufgrund unseres untauglichen Stadions noch in Genf austragen. Und wegen der kleinen Streitigkeiten mit Uefa und Fifa 2012 wurden wir dann vom internationalen Wettbewerb ausgeschlossen. Das aktuelle Europacup-Jahr entschädigt für vieles.

Nur drei Tage später kommt es am Sonntag zur Revanche des Cup-Finals. Das 3:0 in Basel war sensationell.

Das war ein wunderschöner Moment.

Gibt es für einen neuerlichen Erfolg eine Extra-Siegprämie?
Nein! Der Grund ist einfach: Immer, wenn ich spezielle Siegprämien in Aussicht stellte, haben wir verloren. Das habe ich abgestellt.

Wie wichtig sind die beiden Spiele für Trainer Didier Tholot?
Der Ausgang hat keinerlei Einfluss darauf, ob er auch im neuen Jahr unser Trainer bleibt.

Das glauben wir Ihnen nicht.
Es ist aber so.

Sie halten nun schon seit mehr als einem Jahr an Tholot fest. Das ist man von Christian Constantin nicht gewohnt. Was macht Tholot besser als die Trainer vor ihm?
In Sion ist es ganz einfach: Ein Trainer muss Titel gewinnen. Holt er Titel und Pokale, bleibt er Trainer!

Sind Sie mit den Resultaten von Tholot zufrieden? Zuletzt hat er dreimal in Folge verloren.
Ich bin ziemlich zufrieden. Ich kenne Tholot schon lange. Seit 20 Jahren ziehe ich ihn nun hoch. Er war mein Spieler und mein Spielertrainer. Er wurde in jungen Jahren Trainer beim FC Sion. Und er ist es jetzt wieder. Zuletzt hat uns auch der Schiedsrichter zweimal betrogen.

Täuscht der Eindruck oder sind Sie bezüglich Trainerentlassungen ein wenig zahmer geworden?
Nein. Viele der Trainer, die ich entlassen habe, haben aufgegeben und mich im Stich gelassen. Ich habe immer die Spieler geholt, die sie haben wollten. Später konnten sie unser Ziel, die Top 3, trotzdem nicht erreichen und haben um die Freigabe gebeten.

Ihr Ziel ist es grundsätzlich unter den Top 3 der Tabelle zu sein. Jetzt ist der FC Sion mit sechs Punkten Rückstand auf Platz 3 nur Sechster.
Das liegt vor allem an der Dreifachbelastung. Wir haben viel Energie in die beiden Pokalwettbewerbe gesteckt. Mit unserem Kader ist das nicht einfach. Die jungen Spieler wie Lacroix, Assifuah oder Edimilson Fernandes müssen sich daran erst gewöhnen. Sehen wir es doch positiv: Wir sind noch in allen drei Wettbewerben dabei.

Wie geht es mit Ihnen weiter? Wie lange bleiben Sie noch Präsident?
Wenn ich nicht mehr Präsident bin, sehen wir den FC Sion in der dritten Liga wieder. Fertig! Aus!

Sind Sie der Einzige, der den FC Sion am Leben halten kann?
Sie finden im Wallis niemanden, der wie ich 500 000 Franken pro Monat in Sion steckt. Mit Sponsoren kommt man höchstens auf zwei bis drei Millionen im Jahr. Das Durchschnittsbudget der Super League-Teams beträgt sieben Millionen. Das wäre ohne den Präsidenten Constantin illusorisch.

Was ist das Gesamtpaket FC Sion wert?
Wenn man aus dem nichts ein Produkt wie den FC Sion von heute aus dem Boden stampfen will, muss man 50 bis 60 Millionen investieren.

Wie viel verdient der FC Sion an einem ausverkauften Spiel mit 10 000 Zuschauern gegen Liverpool?
Etwa 800 000 Franken.

Werden Sie das Geld im Winter in Verstärkungen investieren?
Das hängt vom Ausgang der beiden Spiele ab. In puncto Wintertransfers werden wir sicher nicht untätig bleiben. Ich habe einige Neuzugänge auf dem Zettel.

Die Neuzugänge sollen für Titel sorgen. Gewinnt der Sieger der Partie Sion gegen Basel auch den Cup?
Das Spiel gegen Basel ist der vorgezogene Cupfinal. YB und GC sind schon ausgeschieden. Wer die Partie am Sonntag gewinnt, ist sicher auch der Topfavorit auf den Titel. Wenn wir gegen Basel gewinnen, herrscht im Wallis Oktoberfestatmosphäre.

In Gemeinschaftsarbeit mit Ruedi Kuhn entstanden. Dieser Artikel wurde auf aargauerzeitung.ch veröffentlicht.

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