Ultimate: Wie die Schweiz mit Basler Power an der Weltmeisterschaft für Furore sorgen will

Ab Sonntag messen sich die besten Nationalteams der Welt im Ultimate Frisbee an der WM in London. Mit dabei auch 14 Spielerinnen und Spieler des Basler Ultimate-Clubs Freespeed.

Es ist ein skurriles Bild, dass die Schweizer Ultimate Frisbee Nationalmannschaft der Herren an ihrem letzten Trainingswochenende vor der bevorstehenden WM in London bietet. Im hintersten Zipfel des St.-Jakob-Areals, auf Feld 21, haben sich die 23 Spieler versammelt, um sich auf das Grossereignis vorzubereiten.

Doch die Szenerie während der Mittagspause gleicht eher einem Camping- als einem Sportplatz. Die Nationalspieler flanieren auf eigens mitgebrachten Campingstühlen und Picknickdecken auf der Wiese in der Sonne. Mitgebrachte Regenschirme spenden ein wenig Schatten. Die Stimmung gleicht, der einer Grillparty am Birsköpfli. Nur einige herumliegende Frisbees und die durchtrainierten Athletenkörper deuten darauf hin, dass hier hart trainiert wird.

Erbitterter Kampf um die Scheibe zwischen Belgien und der Schweiz (weiss) beim Vorbereitungsturnier im Landhof.

Erbitterter Kampf um die Scheibe zwischen Belgien und der Schweiz (weiss) beim Vorbereitungsturnier im Landhof. © Samuel Abächerli

Die Basler Equipe Freespeed, die als amtierender Schweizer Meister elf der 23 Nationalspieler stellt, trainiert unter der Woche dreimal. Dazu kommen in einer Saison etwa 40 nationale und internationale Spiele. Da bleibt neben dem Arbeitsalltag kaum mehr Zeit für andere Dinge, denn verdienen kann man mit Ultimate in der Schweiz auch als Nationalspieler nichts. Der Sport bleibt ein aufwendiges Hobby.

Ein teures Hobby

Statt zu kassieren, bezahlt man pro Nase für Material und Reisen jedes Jahr noch einige Tausend Franken aus eigener Kasse. Da fallen die Mitgliederbeiträge in den Vereinen kaum noch ins Gewicht. Umso froher ist der Schweizer Verband, dass es der Nationalmannschaft im Vorfeld der WM erstmals gelungen ist, einen namhaften Sponsor an Land zu ziehen, mit unter anderem die Materialkosten und ein Physio bezahlt werden. Der Coup basiert allerdings auf reichlich Vitamin B – Die Verbandspräsidentin Isabelle Güttinger arbeitet hauptberuflich für den Sponsor.

Vetternwirtschaft ist Trumpf, auch die steigenden Mitgliederzahlen bei m Basler Ultimate-Club Freespeed gründen nicht nur auf aktiver Werbung, sondern auf Mund zu Mund-Propaganda. Ultimate-Spieler bringen Kollegen mit ins Training und weil sich viele vom berühmten Spirit anstecken lassen, wächst die Ultimate-Familie stetig. Bringt man zudem gewisse Voraussetzungen wie Schnelligkeit und Einsatzwille mit, ist mit harter Arbeit auch der Sprung ins Nationalteam in nur wenigen Jahren realisierbar.

Der Spirit of the Game

Es ist der einzigartige «Spirit of the Game», der Ultimate ausmacht, denn anders als bei anderen Sportarten gibt es im Frisbee-Sport keine Schiedsrichter.  Die Spieler selbst sind für die Einhaltung der Regeln verantwortlich. «Auch wenn es mal eng wird, niemand will absichtlich die Regeln verletzen. Das macht unseren Sport so speziell», erklärt der Basler Robin Brüderlin, der seit acht Jahren in der Nationalmannschaft spielt.

Robin Brüderlin (rechts) in Aktion.

Robin Brüderlin (rechts) in Aktion. © Samuel Abächerli

Fairness ist Trumpf. Sind sich zwei Spieler beispielsweise über eine Behinderung beim Fangen in der Endzone uneins, müssen sie sich auf eine Lösung einigen. Meist wird in solchen Fällen, dann die Scheibe zurückgegeben und der letzte Angriff wiederholt. Neutrale Beobachter, die in kniffligen Entscheidungen eingreifen, sind in den USA mittlerweile Standard in Europa jedoch nicht vorgesehen.

Ob Foul oder nicht entscheiden allein die Protagonisten.

Ob Foul oder nicht entscheiden allein die Protagonisten. © Samuel Abächerli

Professionalisierung einer Randsportart

Dennoch ist auch hier die Professionalisierung der Randsportart Ultimate spürbar. Um bei Swiss Olympic höher eingestuft zu werden, ist der  Verband daran, ein Leistungskonzept zu verfassen.  Zum ersten Mal schickt die Herren-Nati mit Pedro Schmid einen Coach mit nach London, der nicht selbst im Team spielt. Vorher standen Spielertrainer an der Tagesordnung, die den Aufwand wie die anderen Spieler auch selber zu tragen hatten.

David Moser, der Co-Trainer von Pedro Schmid, ist auch selber auf dem Rasen aktiv.

David Moser, der Co-Trainer von Pedro Schmid, ist auch selber auf dem Rasen aktiv. © Samuel Abächerli

Schmid, der bisher nur einen Vertrag bis nach der WM besitzt,  begrüsst die strukturellen Veränderungen und hat in London Grosses vor. Nach der enttäuschenden EM 2015 in Kopenhagen, an der die Schweizer Herren Vorletzter wurden, will Schmid das Team nun unter die Top 10 der Welt führen. «Diese Leistungssteigerung ist durchaus möglich, da die Leistungsdichte in Europa sehr eng ist und das junge Team nach der EM die richtigen Schlüsse gezogen und grosse Fortschritte gemacht hat», begründet Schmid.

Der komplexe WM-Spielplan – zwei Gruppenphasen, und mehrere K.o.-Runden –  wurde kurioserweise erst neun Tage vor dem Startschuss veröffentlicht. Die Schweizer Herren treffen in der Vorrunde auf Frankreich, Polen und Italien. Um die hochgesteckten Ziele zu erreichen, müssen Schmids Mannen die europäische Konkurrenz schon in der Vorrunde hinter sich lassen.

Erfolgreiche Ladies

Die Schweiz ist in London mit drei Teams am Start. Neben den Herren und einer Mixed-Mannschaft messen sich auch die Damen mit den besten der Welt. Die Schweizerinnen sind Vize-Europameister, weshalb auch in London mit ihnen zu rechnen ist. Spielertrainerin Angela Ullmann will mit der erfahrenen Truppe, die sich seit letztem Jahr kaum verändert hat „das beste Team Europas“ werden. Ihre Hauptkonkurrentinnen sind die starken Deutschen und Europameister Finnland. In ihrer Vorrundengruppe treffen die Schweizerinnen auf Kanada, England, Deutschland, Dänemark und Österreich. Die ersten drei der Gruppe haben am Ende gute Chancen auf eine Top-Platzierung.

Zwei der besten Frauen-Teams Europas im direkten Duell auf dem Landhof: Deutschland und die Schweiz

Zwei der besten Frauen-Teams Europas im direkten Duell auf dem Landhof: Deutschland und die Schweiz © Samuel Abächerli

Wie auch die Männer reisen die Frauen individuell zur WM. Man trifft sich am 17. Juli direkt in London, bevor es einen Tag später losgeht. In nur sieben Tagen haben die Mannschaften bis zu zehn Spiele, denn jeder Platz wird ausgespielt. Viel Arbeit für die Nationalspieler, die bereit sind, in London alles zu geben.

Auch an der WM treffen die Schweizerinnen am Montag auf den grossen Nachbarn Deutschland.

Auch an der WM treffen die Schweizerinnen am Montag auf den grossen Nachbarn Deutschland. © Samuel Abächerl

Dieser Artikel wurde auf bzbasel.ch veröffentlicht.

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