EM-Wunder: 10 Gründe, die Isländer zu lieben

Heute spielen sie im EM-Viertelfinal gegen Gastgeber Frankreich und daneben verzücken die Nordmänner ganz Europa.

1. Der trainierende Zahnarzt 

Seine Praxis im Hemay sieht Dr. Heimir Hallgrimsson maximal noch einmal pro Woche. Seit 2011 ist der Zahnarzt nämlich wichtiger Bestandteil des Trainerteams der isländischen Nationalmannschaft, wo er mit dem Schweden Lars Lagerbäck (67), der nach der EM altersbedingt aufhört, die Geschicke leitet. Seine Praxis führt in seiner Abwesenheit ein Kollege. Die Fans wünschen sich, dass der Zahnarzt auch nach der EM nicht wieder seinen Patienten in den Mund schaut, sondern Nationaltrainer bleibt. Seine Spieler behandelt Hallgrimsson übrigens nicht.

2. Der Kommentator

 

«Wir haben es geschafft! Wir gehen niemals nach Hause! Haben Sie das gesehen? Unfassbar! Ich kann es nicht glauben! Weckt mich niemals aus diesem Traum auf!», schrie Gudmundur Benediktsson in schwindelerregend hoher Tonlage nach dem Schlusspfiff gegen England in sein Mikrofon. Doch Kommentator ist eigentlich nur ein Nebenjob für den Schreihals der Nation. Benediktsson war noch bis vor wenigen Tagen Co-Trainer des Erstligisten KR Reykjavík. Aufgrund einer Pleitenserie stellte Reykjavík das Trainerteam einen Tag vor dem England-Spiel frei.

3. Der Name ist Programm 

Kolbeinn Sigthorson, der Sohn des Sigthor, machte seinem Namen einmal mehr alle Ehre, als er bei der Achtelfinal-Sensation gegen England das Siegtor erzielte. Vor der Europameisterschaft in Frankreich wurde der Stürmer bei seinem Verein in Nantes als «zu dick und ohne die richtige Einstellung» abgestempelt und aus dem Kader verbannt. Nun zittert das Nationalteam der Franzosen an der Heim-EM vor dem heutigen Viertelfinal ausgerechnet vor den Treffern des ausgemusterten Isländers, der mittlerweile bestimmt auf so manchem Scouting-Zettel stehen dürfte.

4. UUH! UUH! UUH! 

Nein, der mittlerweile weltberühmte Schlachtruf der Isländer, bei dem die Fans durch ein immer schneller werdendes, gemeinsames Klatschen inklusive einem kollektiven «UUH!» den Gegner beeindrucken, ist kein Relikt aus Wikingerzeiten. Der isländische Fanclub von Stjarnan FC hat das Ritual vom schottischen Erstligisten Motherwell übernommen und an der EM berühmt gemacht. Doch nicht nur die Fans von Stjarnan, sondern auch die Spieler des Klubs haben im Jahr 2010 durch spektakuläre Torjubelvideos im Internet eine grosse Bekanntheit erlangt.

5. Der Präsident ist Ultra

Wenn Island heute Abend gegen Frankreich spielt, wird der neu gewählte Staatspräsident Gudni Johannesson nicht auf der Ehrentribüne Platz nehmen, sondern das Team an der Seite von 10 000 Landsmännern und Frauen aus der Fankurve heraus anfeuern. Johannesson hat angekündigt, dabei das Trikot der Nationalmannschaft zu tragen. Dabei haben die meisten Fussball-Fans den Präsidenten nicht gewählt, da für sie ein EM-Besuch wichtiger war als der Gang zur Urne. Von 245 000 Wahlberechtigten stimmten 185 000 ab. Der Rest ist in Frankreich.

6. Der Regisseur im Tor 

Hannes Halldorsson (32) hält im wahrsten Sinne des Wortes nicht nur das isländische Tor sauber. Nein, er ist auch einer der bekanntesten Filmemacher des Inselstaates. So drehte der Regisseur das Musikvideo für den isländischen Beitrag zum Eurovision Song Contest 2012, zahlreiche Werbesports, zwei Dokumentationen und die isländische Actionkomödie «Der geheime Polizist». Vor elf Jahren sass der damals übergewichtige 105-kg-Koloss bei einem Drittligisten noch auf der Tribüne. Heute wiegt er knapp 20 kg weniger
und steht mit Island im EM-Viertelfinal.

7. Der Einwerfer 

Islands bärtiger Captain Aron Gunnarsson hat mit seinen präzisen Einwurfflanken in den Spielen gegen Österreich und England bereits zwei Tore vorbereitet. Seine gefürchteten Würfe kommen nicht von ungefähr. Gunnarsson spielte in jungen Jahren erfolgreich Handball und war sogar der jüngste Spieler, der je in der heimischen ersten Liga
zum Einsatz kam. Doch im Alter von 17 Jahren entschied
sich Sportsfreund Gunnarsson für den Fussball. Bruder Arnor ist beim Handball geblieben und heute auch Nationalspieler.

8. Vater und Sohn 

Islands Fussball-Ikone Eidur Gudjohnsen (37), der mit Chelsea und Barcelona zahlreiche Titel gewonnen hat und bei der EM im Gruppenspiel gegen Ungarn für wenige Minuten auf dem Platz stand, beendet seine Karriere in der Nationalmannschaft nach der EM, wie sie begonnen hat: mit einem Highlight. Heute erlebt er mit Island einen EM-Viertelfinal. Und vielleicht geht sogar noch mehr. Bei seinem Debüt 1996 sorgte Gudjohnsen für ein Unikum: Sowohl Vater Arnor als auch Sohn Eidur standen im Länderspiel gegen Estland auf dem Platz. Einmalig.

9. Die ganze Nation 

Nur etwa 320 000 Menschen leben in Island. Um dem drohenden Inzest auf der Insel zu begegnen, existiert sogar eine Dating-App, die sämtliche Familienverhältnisse offenlegt. Knapp zehn Prozent der gesamten Bevölkerung des beschaulichen Islands reisen mit ihrer Nationalelf durch Frankreich und sorgen vor Ort für Unterstützung. Das ist einmalig. Doch auch die Zurückgebliebenen sind mit dem Fussball-Virus infiziert. 99,8 Prozent aller TV-Zuschauer sahen den 2:1-Sieg im Achtelfinal gegen England. Nur 650
Personen wählten ein anderes Programm.

10. Ungewöhnliche Bitte 

Um einen Stammplatz in Islands Nationalmannschaft zu bekommen, griff der gelernte zentrale Mittelfeldspieler Ari Skulason zu speziellen Mitteln. Bevor er 2013 von Sundvall in Schweden zu Odense nach Dänemark wechselte, bat er die Verantwortlichen seines neuen Klubs, ihn in Zukunft als linken Verteidiger einzusetzen. Sonst komme er nicht. Der Hintergrund: Island suchte zu diesem Zeitpunkt fieberhaft nach einem fähigen Linksverteidiger für die Nationalmannschaft. An der EM hat Skulason hinten links bislang noch keine Minute verpasst.

Dieser Artikel wurde auf aargauerzeitung.ch veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar