Wie wird man eigentlich Waliser?

Nicht nur Island sorgt an der Europameisterschaft in Frankreich für Überraschungen. Auch Wales zeigt sich aufmüpfig. Neun Fragen und Antworten rund um den überraschenden EM-Halbfinalisten Wales.

1. Wie wird man eigentlich Waliser?

Wales-Captain Ashley Williams ist wie seine Eltern in Tamworth geboren und deshalb eigentlich Engländer. Doch im Alter von 24 Jahren entschied sich der bullige Innenverteidiger, in Zukunft für Wales zu spielen. Das ist möglich, weil Williams einen in Wales geborenen Grossvater hat. Williams ist kein Einzelfall im Team der Drachen. Gleich neun Spieler sind in England geboren, haben aber aufgrund ihrer Wurzeln – ein Grosseltern- oder Elternteil muss in Wales geboren sein – auch die Spielberechtigung für Wales erhalten. Weil alle Staatsbürger im Vereinigten Königreich einen britischen Pass haben, gibt es gar keinen walisischen Ausweis.

2. Unterstützt England jetzt den kleinen Bruder?

Jubelszenen im walisischen Teamhotel nach dem überraschenden Out Englands gegen Island oder eine Tätowierung der Tabelle der Gruppe B – Wales winkt vor England von Platz 1 – auf dem Oberarm eines Fans: Klar, in Wales freut man sich, für einmal aus dem Schatten des grossen Bruders herauszutreten. Dennoch herrscht zwischen England und Wales kaum dieselbe Rivalität wie zwischen Engländern und Schotten, deren Verhältnis historisch bedingt viel zerrütteter ist. Ein Streben nach Unabhängigkeit, wie es die Schotten nach dem Brexit zum wiederholten Mal zeigen, gibt es in Wales nicht. Die walisischen Vereine sind in den englischen Fussball eingegliedert, die Nationalspieler spielen bis auf Gareth Bale (Real Madrid) und den dritten Torwart Owain Williams (Inverness, Schottland) alle in den englischen Ligen und die meisten Spieler – so auch Bale – wären auch für England spielberechtigt. Kein Wunder, dass man jetzt auch von England aus den Walisern gegen Portugal die Daumen drückt.

3. Wie erfolgreich sind die walisischen Teams?

Die einzige Konstante der letzten Jahre im walisischen Klubfussball heisst Swansea City. Der Klub spielt seit 2011 ohne Unterbruch in der Premier League. 2014 spielte Swansea sogar in der Europa League, wo jedoch in der Playoff-Runde bereits Endstation war. Zwei Stammspieler aus der Nationalmannschaft, Captain Williams und Aussenverteidiger Gunter, stehen momentan beim besten walisischen Verein unter Vertrag. Mit Cardiff City stattete vor drei Jahren erstmals in der Historie ein zweites Team aus Wales der Premier League einen Besuch ab. Nach nur einer Saison trat der Hauptstadtklub jedoch wieder den Gang in die Zweitklassigkeit an.

4. Wo spielen die Waliser?

Ausser dem Quartett Bale (Real Madrid), Ramsey (Arsenal), Allen (Liverpool) und Davies (Tottenham) spielen die meisten Waliser in den unteren Gefilden der englischen Premier League. In Frankreich sind sogar fünf Spieler aus der zweiten – und mit Simon Church auch ein Spieler aus der dritten englischen Liga dabei. Der doppelte Torschütze Hal Robson-Kanu ist gar arbeitslos gemeldet. Der kumulierte Marktwert des gesamten Teams beträgt nur etwa 170 Millionen Euro. Sehr wenig, wenn man bedenkt, dass Bale und Ramsey zusammen allein
110 Millionen wert sind. Englands Kader kommt zum Vergleich auf über
477 Millionen Euro.

5. War Wales im Fussball je erfolgreicher?

Die zweitmeisten Treffer (10) an der EM, trotz wenigen Schüssen aufs Tor und unterdurchschnittlichem Ballbesitz (47%): Wales besticht durch brutale Effizienz und steht bereits unter den Top 4. Schon an der einzigen walisischen WM-Teilnahme 1958 in Schweden überstanden die Briten die Vorrunde. Im Viertelfinal war der spätere Weltmeister Brasilien dann zu stark. Torschütze beim 0:1: ein gewisser Pelé. Kurios: Schon damals schnitt Wales besser ab als England, das als Gruppendritter ausschieden.

6. Kann Wales auch ohne Bale?

Anders als beim kommenden Gegner Portugal mit Cristiano Ronaldo dreht sich bei Wales nicht alles um Stürmerstar Gareth Bale. Zum «Man of the Match» wurde Bale trotz seiner drei Treffer nur einmal (gegen Nordirland) gewählt. Gegen die Slowakei, gegen Russland und gegen Belgien wurden mit Allen, Ramsey und Robson-Kanu andere ausgezeichnet. Trainer Coleman nennt Bale «einen Anführer ohne Captainbinde, der sich ohne Starallüren in den Dienst der Mannschaft stellt».

7. Wer ist der Trainerfuchs?

Chris Coleman war früher ein beinharter Premier-League-Verteidiger. 2012 trat er nach dem Selbstmord seines Freundes und Vorgängers Gary Speed in dessen grosse Fussstapfen. Mit fünf Niederlagen zu Beginn misslang der Einstand, doch es folgte ein radikales Umdenken. Seitdem sind Teamgeist, Einsatz und Wille Trumpf: «Als Nation sind wir geografisch klein, aber mit unserer Leidenschaft sind wir wie ein Kontinent», befand Coleman, dessen variable 5-3-2-Taktik, bei der die Waliser defensiv kompakt stehen und vorne effizient skoren, greift.

8. Wie feiern die Fans?

Wie die meisten Briten sind auch die walisischen Fans «Meister der Feuchtfröhlichkeit». Seit mehreren Wochen grölen die Wales-Fans nun schon den Song: « Don’t take me Home» in der Dauerschleife und wer den Text der walisischen Hymne nicht kennt und trotzdem mitsingen will, kann diesen online extra lernen. Im kollektiven Jubelrausch schmeissen die Waliser ungeachtet des Pegelstands gerne mal sämtliche Bierbecher in die Luft. Das gemeinsame Bierduschen nach Toren und vor allem nach Siegen hat in Frankreich bereits traditionelle Züge angenommen..

9. Welche Sprache spricht man in Wales?

Im 3-Millionen-Einwohner-Land Wales spricht rund jeder Fünfte die keltische Sprache kymrisch. In Wales ist Kymrisch neben Englisch die zweite Amtssprache. «Rydym yn ennill y tlws» heisst übrigens: «Wir holen den Pokal.»

Dieser Artikel wurde auf aargauerzeitung.ch veröffentlicht.

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