So schiesst man den perfekten Elfmeter

Wer Europameister werden will, muss wissen, wie man Penaltys versenkt. Antworten aus der Sportwissenschaft zum heiss diskutierten Thema an der Fussball-EM.

Das Drama strebt dem Höhepunkt entgegen. Am Sonntag erfährt Europa, wie seine neuen Könige des Fussballs heissen. Heute und morgen finden die Halbfinals statt. Wales gegen Portugal, dann Frankreich gegen Deutschland. Die Schweiz schaut zu. Und ärgert sich noch immer über das verlorene Penaltyschiessen im Achtelfinal gegen Polen. Die Ausgangslage war günstig, vielleicht sogar einmalig. Portugal hätte der Gegner im Viertelfinal geheissen, Wales im Halbfinal. Träumen erlaubt! Vergebens. Die Wirklichkeit frisst sich ach so schnell ins Hirn zurück. 

Überhaupt, Elfmeterschiessen. Spätestens seit dem vergangenen Samstag und dem epischen Duell zwischen Deutschland und Italien rätselt die Fussballwelt wie kaum zuvor. Wie kann es sein, dass von den ersten zehn Spielern sechs verschiessen? Ist Elfmeterschiessen wirklich eine Lotterie, wie das Spieler und Trainer derart überzeugt behaupten? Und wie sieht er aus, der perfekt getretene Penalty? Die «Nordwestschweiz» hat Antworten gesucht und gefunden.

Hoch in die Ecke

An der EM in Frankreich gab es bisher 48 Penaltys. Elf davon im Spiel, der Rest verteilt in den drei Penaltyschiessen. Daraus resultierten 35 Tore, was einer Erfolgsquote von 72,92 Prozent ebedeutet. Das entspricht ziemlich genau den Daten der Wissenschaft. Studien zeigen, dass ungefähr drei von vier Elfmetern im Tor landen. Es ist also nicht so, dass die Elfmeter in Frankreich besonders schlecht geschossen würden. Der letzte Eindruck aus dem Spiel Deutschland gegen Italien täuscht.

Dabei wäre es in der Theorie ganz einfach. Es gibt Bereiche, da hat der Schütze nahezu eine 100-prozentige Erfolgswahrscheinlichkeit (siehe Grafik). Weil der Torhüter gar nicht schnell genug am Ball sein kann. «Hoch in die Ecke schiessen«, sollte das Motto also lauten. Der deutsche Physiker Metin Tolan hat in seinem Buch «so werden wir Weltmeister!» Elfmeter auf eine witzige Art veranschaulicht. 0,4 Sekunden dauert es etwa, bis der Ball vom Elfmeterpunkt zum Torhüter geflogen ist. 0,2 Sekunden davon gehen schon an Reaktionszeit weg. Also bleibt dem Torhüter kaum etwas anderes übrig als zu spekulieren. Auch, weil er auf der Linie stehen bleiben muss und den Winkel nicht verkürzen darf.

(grün: verwandelt / blau: gehalten oder verschossen)

Interessant: Gemäss einer Studie von Wirtschaftspsychologe Ulrich Schmidt, der mit seinem Team sämtliche Versuche in Elfmeterschiessen an Welt-, Europameisterschaften und in der Champions League untersuchte, entscheidet sich der Torhüter mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 55 Prozent für jene Ecke, die der vorherige gegnerische Schütze nicht gewählt hat. «Darum sollten statistisch gesehen alle Spieler eines Teams in dieselbe Ecke schiessen.»

Grundsätzlich sei es wichtig, beim Penaltyschiessen beginnen zu können. Wer am Ende treffen muss, um das Ausscheiden zu verhindern, hat nur noch eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 50 Prozent. Wer sich mit dem entscheidenden Tor dagegen zum Held machen kann, eine von 90 Prozent.

Sportwissenschafter Daniel Memmert von der Sporthochschule Köln ist überzeugt, dass ein Penaltyschiessen keine Lotterie ist. Memmert sagt, die Ingredienzien eines erfolgreichen Penalty-Schützen seien trainierbar. Darum sei diese Form der Entscheidung kein Zufall. Doch die Experten sind sich nicht einig. Ulrich Schmidt sagt, das Penaltyschiessen sei eben trotzdem eine Lotterie: «Dafür spricht, dass in fast sämtlichen Elfmeterschiessen beide Konkurrenten bei Wettanbietern eine ähnliche Quote haben.»

Die Schweiz vielleicht gerade ein bisschen weniger intensiv. Denn auch die helvetische Kunst vom Elfmeterpunkt ist überschaubar. Legendär ist vor allem das Drama von 2006, als im WM-Achtelfinal gegen die Ukraine sämtliche drei Schützen – Marco Streller, Tranquillo Barnetta und Ricardo Cabanas – verschossen. Strellers zuckende Zunge erlangte europaweite Bekanntheit. Der berühmteste verschossene Elfmeter weltweit ist wohl Roberto Baggios Versuch 1994, als Italien im WM-Final Brasilien unterlag.

In Gemeinschaftsarbeit mit Etienne Wuillemin und Dean Fuss entstanden. Dieser Artikel wurde auf aargauerzeitung.ch veröffentlicht.

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