Nach den Tränen von Rio gibt es heute die Revanche: Lavillenie gegen den Gold-Dieb

Stabhochsprung-Legende Renaud Lavillenie springt heute im Letzigrund gegen den Olympiasieger Thiago Braz. Nach den Tränen von Rio sinnt der Franzose auf Revanche für die Demütigung von Olympia.

Der König der Lüfte ist gereizt. Da hat es doch tatsächlich einer gewagt, die Vormachtstellung von «Air France» in Frage zu stellen und ihm die fest eingeplante Goldmedaille zu entreissen. Weil dabei das Fairplay mit Füssen getreten wurde, ist Renaud Lavillenie nicht nur traurig über das verpasste Gold, sondern auch wütend auf das Publikum.

Der denkwürdige Abend im Video:

Die Tränen, welche die lebende Stabhochsprung-Legende bei der Siegerehrung in Rio vergoss, sind noch nicht getrocknet. Statt dem erfolgsverwöhnten Franzosen schnappte sich an jenem 15. August ein bislang unbekannter Einheimischer die Goldmedaille – mit der tatkräftigen Unterstützung der Zuschauer.

Lavillenies Tränen nach den Buhrufen und Pfiffen bei der Siegerehrung

Lavillenies Tränen nach den Buhrufen und Pfiffen bei der Siegerehrung. © Twitter

 

Rückblick: Der 22-jährige Thiago Braz wurde im olympischen Wettkampf frenetisch angefeuert und pulverisierte seine persönliche Bestleistung: 6,03 Meter. Südamerika-Rekord. Olympischer Rekord. Als sich Lavillenie, der Dominator der Szene, ein letztes Mal anschickt, diese Marke zu knacken, wird er ausgebuht. Mit heruntergestrecktem Daumen zeigt der Favorit dem Publikum, was er vom unsportlichen Störversuch seiner Vorbereitung hält.

Lavillenies Nazi-Vergleich:

 

Es kommt, wie es kommen muss. Der König des Stabhochsprungs reisst seinen dritten Versuch. Als die Stange fällt, hallt ein Jubelschrei durchs ganze Stadion, während beim Franzosen die ersten Tränen kullern. «Alles was ich sagen kann, ist, dass wir Brasilianer eben so sind. Ob er es mag oder nicht. Er ist ein hochbegabter Stabhochspringer, aber diese Spiele waren nicht seine, sondern meine», gibt sich Thiago Braz direkt nach dem Wettkampf wenig verständnisvoll.

Kindergarten unter Stars

Noch schlimmer reagiert der frustrierte Favorit, der sich auf die Provokationen einlässt und wie ein pubertäres Kind im selben Stil zurückschlägt. Im Affekt vergleicht Lavillenie das Publikum in Rio mit dem der «Nazi-Spiele» von Berlin 1936. Trotz sofortiger Entschuldigung für diesen Ausfall, wird die Siegerehrung am Folgetag zum Martyrium. Da halfen auch die Beschwichtigungsversuche des mittlerweile einsichtigen Verlierers nicht: Lavillenie wird beim Gang aufs Podium konsequent ausgepfiffen.

Zuviel für den siegesverwöhnten Franzosen. Die tränenreichen Bilder während der Hymne gehen um die Welt. Statt der sportlichen Glanzleistung des jungen Brasilianers steht der weinerliche Franzose im Mittelpunkt. «Das unsportliche Verhalten der Fans hat mir die Magie der Olympischen Spiele, dieses unglaubliche Gefühl dieses Wettbewerbs, genommen. Nun reise ich leider mit einem schlechten Eindruck von den brasilianischen Fans ab», sagt der immer noch trotzige Lavillenie später.

Revanche im Letzigrund

In Zürich kommt es heute zum Wiedersehen der Beiden, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite der erfahrene 29-jährige Franzose, der Überflieger, der Dominator der Szene, der Weltrekordhalter. Er, der die härtesten Stäbe springt und die magischen sechs Meter schon zigmal überflogen hat. Sogar eine eigene Stabhochsprunganlage hat Perfektionist Lavillenie im Garten installiert, um zu trainieren und um «am Wochenende mit Freunden Spass zu haben».

Ihm gegenüber, der brasilianische Jungspund, der Herausforderer, der Phoenix aus der Asche, der in Rio die geforderte Qualifikations-Höhe von 5,45 m erst im dritten Versuch meisterte und dessen Palmarès vor dem Olympiasieg gänzlich leer war. 

Thiago Braz will jetzt in Zürich den nächsten Schritt gehen und zeigen, dass er Lavillenie auch ohne Heimvorteil gefährlich werden kann, dass seine 6,03 m keine Eintagsfliege waren. Der Franzose sinnt auf Revanche und die Stabhochsprung-Fans sind froh, dass es endlich wieder ein echtes Duell gibt.

Egal, wie der Wettkampf ausgeht, einen seiner Rekorde wird «Air France» heute Abend ausbauen. Seit der Einführung des Diamond Race 2010 hiess der Gesamtsieger stets Lavillenie. Mit 22 Punkten Vorsprung auf den Amerikaner Sam Kendricks steht bereits fest, dass «Air France» zum siebten Mal in Folge die 40 000 Dollar Preisgeld einstreicht. Als er gestern an der Pressekonferenz ein Duplikat der Trophäe in die Hand nimmt, verdreht Lavillenie die Augen.

«Die sehen alle gleich aus», mosert der Franzose mit einem Augenzwinkern. Thiago Braz sucht man auf den Diamond-Race-Ranglisten übrigens noch vergebens. Er will in Zürich zum ersten Mal punkten und dann im neuen Jahr weiter am Thron des gereizten Königs rütteln.

Dieser Artikel wurde auf aargauerzeitung.ch veröffentlicht.

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