Nationaltrainer Petkovic im Interview: «Wer Erfolg hat, wird mehr geliebt»

Vor dem letzten Spiel des Jahres gegen die Färöer spricht der Schweizer Nati-Coach Vladimir Petkovic über seine tägliche Arbeit, seinen positiven Wandel und über Politik.

Herr Petkovic, Ihr Team hat in den drei bisherigen WM-Qualifikationsspielen mit einer Qualität geglänzt, die bei der EM noch schmerzlich vermisst wurde: Effizienz. 

Vladimir Petkovic: Wir haben daran gearbeitet. Wir konnten Situationen provozieren, die es uns ermöglicht haben, Tore zu erzielen. Viel hängt aber immer auch von der Form eines Stürmers ab, die er gerade in seinem Verein hat − oder eben nicht.

Spüren Sie, dass die Schweizer Nati in der Öffentlichkeit Pluspunkte gesammelt und ihr Image verbessert hat?

Ja, wir haben dafür auch einiges getan, die Beziehung zwischen der Mannschaft und den Fans gut gepflegt. Durch unsere Leistungen auf dem Platz, aber auch durch das Verhalten daneben. Nach den Trainings bleiben wir oft noch zwanzig Minuten da, die Spieler geben Autogramme und stehen für Fotos zur Verfügung. Wir wissen, dass wir die Menschen in der Schweiz brauchen, ihre Wärme für die Nati und ihr positives Denken.

Welche Qualitäten sind für einen Nationaltrainer wichtiger als für einen Klubtrainer?

Für einen Nati-Coach ist es von grösster Bedeutung, dass er gut beobachten kann. Er hat nicht so viele Möglichkeiten, Änderungen vorzunehmen wie ein Klubtrainer. Man muss die richtige Taste drücken und darf nicht zu viel wollen, die Spieler nicht mit zu vielen Themen belasten. Wir haben zu wenig Zeit bei den Zusammenzügen, um an vielen einzelnen Schrauben zu drehen. Ich muss deshalb gewisse Sachen auch schon zuvor in Gesprächen mit den Spielern angehen. Es ist wichtig, die richtige Mischung zu finden, wie sehr die Spieler gefordert werden sollen. 

Ist der Job des Nationaltrainers schwieriger als der des Klubtrainers?

Sicher nicht einfacher. Ein Klubtrainer hat weit mehr Möglichkeiten, etwas zu verändern, etwas zu bewegen.

Haben Sie das so erwartet?

Nicht ganz. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich die Reizpunkte reduzieren muss. Wenn ich meine Spieler während sieben Tagen mit Ideen vollstopfe und sie dann wieder zu ihren Klubs gehen, bleibt zu wenig hängen. Wenn sie dann zur Nati zurückkommen, müssten wir wohl fast wieder bei null beginnen.

Wie sieht Ihre Arbeit aus, wenn Sie die Mannschaft nicht beisammen haben? Wie sah Ihre letzte Woche konkret aus?

Ich habe mir viele Fussballspiele angeschaut und mit einigen Spielern gesprochen und über ihre mentalen und physischen Aspekte diskutiert. Ich beobachtete alle für mich relevanten Spiele in fünf, nein sechs Ligen: England, Frankreich, Deutschland, Italien, Schweiz und Kroatien.

Macht das überhaupt noch Spass?

Auf jeden Fall. Ich muss ja nicht jedes Spiel detailliert analysieren, sondern kann auch entspannt zusehen. Ich achte vor allem auf die momentane Form oder auf die physische und mentale Verfassung der Schweizer Spieler. Meine Liebe zum Fussball ist so gross, dass es mir immer Vergnügen bereitet, eine Partie zu verfolgen. Das ist für mich keine Arbeit. 

Erstellen Sie einen Plan, mit welchen Spielern Sie wann sprechen wollen?

Nein. Als Naticoach will ich auch nicht zu viel stören. Die Spieler sind bei ihren Klubs immer sehr beschäftigt. Umgekehrt erwarte ich, dass die Klubs dann die Spieler auch nicht behelligen, wenn diese bei uns weilen. Da braucht es gegenseitigen Respekt. In dieser Woche habe ich mit sechs Spielern Kontakt gehabt. Es ging da um Verletzungen oder andere Dinge, über die ich mehr Infos haben wollte. Das ist ein ständiger Prozess.

Was muss ein Nationalcoach sonst noch alles erledigen, was nicht direkt auf der Hand liegt?

Ich werde oft zu Meetings eingeladen, kann aber leider längst nicht alle Einladungen annehmen. Dann gibt es auch immer wieder Projekte mit Sponsoren. Gespräche mit SFV-Leuten, Sitzungen mit Staff-Mitgliedern und, und, und.

Wie viel Freizeit bleibt da noch?

Genug. (Schmunzelt.) Richtig frei zu haben, das gibt es im Fussball eh nicht. Den Trainerjob kann man nicht mit exakten, vorgegebenen Arbeitszeiten erledigen. Der Fussball ist zu jeder Zeit bei mir. Es ist halt vieles auch Kopfsache und wenn ich über etwas nachdenke: Wie soll man das messen? Wenn eine Idee reift, dann nimmt man doch oft immer wieder einen neuen Anlauf, um sie weiterzuentwickeln. Nach einer Woche kommt dann vielleicht der entscheidende Input, wie man sie verbessern kann.

Schaffen Sie es, auch mal komplett abzuschalten?

Fussball ist mein Leben. Und meine Familie ist voll dabei. Aber klar, wenn ich mit meiner Frau einkaufen oder essen gehe, spreche ich mit ihr nicht über verletzte Spieler.

Sie haben während zehn Jahren bei der Caritas gearbeitet und sind dort mit harten Menschenschicksalen konfrontiert worden. Konnten Sie schon damals nach der Arbeit abschalten? 

Ja, das musste ich lernen. Es gab ja Zeiten, da habe ich gearbeitet, eine Schule absolviert und auch noch eine Fussballmannschaft trainiert. Da konnte ich gar nicht anders, als zu trennen. Wenn ich mit dem einen fertig war, kam das andere. Das konnte ich im Kopf ganz gut handhaben.

Hilft Ihnen die Menschenkenntnis, die Sie bei Ihrer Sozialarbeit erworben haben, heute als Trainer?

Sicher. Es geht um Menschen. Es geht um Ziele, die man gemeinsam erreichen will. Um Führen, um Zuckerbrot und Peitsche. Ich kann spontan auf damals gemachten Erfahrungen zurückgreifen.

Können sich Nationalspieler von heute noch in Situationen hineinversetzen, in denen sich Menschen befinden, die Sie damals betreut haben?

Die müssen das ja nicht können. Im Gegensatz vielleicht zum kleinen Mann auf der Strasse, der versucht, sich in die Welt eines Cristiano Ronaldo hineinzuversetzen. So oder so: Man sollte nicht alle in den gleichen Topf werfen.

Seit einem halben Jahr, seit dem EM-Trainingslager in Lugano, wirken Sie gelöster, entspannter, nahbarer, nicht mehr so dünnhäutig.

Man hat mir wohl angehängt, ich sei dünnhäutig, weil ich zwei Mal deutlich gemacht hatte, was mich an der Berichterstattung störte. Das schien wie eine Beleidigung für gewisse Medienschaffende. Ich werde weiterhin sagen, wenn mir etwas nicht passt, wenn ich Respekt vermisse. Dann kann ich doch nicht mit einem Lachen zu den Medien gehen. Dann bringe ich diese Dinge auf den Tisch, so kann man gemeinsam dafür sorgen, dass sie aus der Welt geschafft werden. Aber klar, auch ich lerne jeden Tag dazu.

Aber Sie können doch nicht abstreiten, dass die gute Europameisterschaft in Frankreich Sie lockerer werden liess?

Für mich war die EM kein Erfolg. Für mich war sie wie eine Niederlage. Und die drei Siege in der WM-Qualifikation betrachte ich höchstens als eine Vorstufe zum Erfolg. Aber natürlich: Die Mathematik, die Punkteausbeute, ist für einen Trainer entscheidend. Auch, ob er sympathisch oder unsympathisch rüberkommt. Wer Erfolg hat, wird mehr geliebt. Das ist so im Leben. Wenn man ein Problem finden will, dann findet man es immer. Wie damals, als ich YB-Trainer war und die Dreierkette in der Abwehr zum Problem gemacht wurde. Wo Sie recht haben: Wenn die Resultate stimmen, stellen Sie als Journalist mir automatisch angenehmere Fragen und ich wirke dann entspannter. Wenn Sie aber auf mich schiessen, schütze ich mich mit einem Panzerschild und schiesse zurück. Notwehr, sozusagen.

Dachten Sie eigentlich schon als Spieler wie ein Trainer?

Ich machte 1992 die ersten Trainerkurse, als ich noch bei Chur spielte. Aber ohne mir gross Gedanken über die Trainerarbeit zu machen. Meine Überlegungen dazu waren immer spontan. Am Anfang war ich ja Stürmer, dann habe ich vor der Abwehr gespielt und gelernt, zu dirigieren. Danach war ich bei Malcantone Agno und Bellinzona drei Jahre Spielertrainer und habe während des Spiels Korrekturen vorgenommen. Ich musste mir während der Partie immerzu Gedanken machen, ob ich jetzt auswechseln muss oder was ich in der Halbzeit erzählen will. 

War Ihnen schon damals klar, dass Sie Profitrainer werden möchten?

Mir war klar, dass ich dies nur sein wollte, wenn der Rahmen stimmte. Wenn es gute Argumente und auch eine gewisse Sicherheit dafür gab. Ich hätte auch bei Agno, Lugano und Bellinzona Profitrainer sein können, wollte es aber nicht. Ich zog es vor, weiter 100 Prozent zu arbeiten. Berufstrainer im Tessin wäre ich nur geworden, wenn auch alle Spieler Profis gewesen wären. Wenn ich beim Morgentraining alle Spieler zur Verfügung gehabt hätte. Die einen aber haben gearbeitet oder waren in der Schule. Als ich mit Bellinzona aufstieg, war ich noch immer nicht Profitrainer. Erst dann kam das Angebot der Young Boys, bei dem der besagte Rahmen stimmte. Aber gleichwohl bin ich damit natürlich auch ein gewisses Risiko eingegangen.

Hätten Sie als Nationalcoach Vladimir Petkovic gerne einen Spieler in Ihrem Team, der so ist, wie Sie es als Spieler gewesen waren?

Nein, als Spieler stand ich für eine andere Art von Fussball, für einen Fussball aus früherer Zeit, alte Schule eben. Heute braucht es mehr Schnelligkeit, Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen.

Waren Sie wenigstens eine Leaderfigur?

Ich bin ein Löwe. (Lacht.) Nicht nur im Sternzeichen. So hatte ich von meinem Naturell her schon ein bisschen die nötigen Eigenschaften dafür. Sie waren aber noch nicht so ausgeprägt, um in der Hierarchie ganz oben zu stehen. Dies habe ich mir erst im Laufe meiner Trainertätigkeit angeeignet.

Was für Qualitäten müssen heutige Spieler neben der angesprochenen Schnelligkeit und dem Durchsetzungsvermögen haben, die Sie selber nicht hatten?

Ich war zu introvertiert. Heute muss man offener sein, auch härter. Ich war vielleicht zu gut erzogen worden. Heute gehe ich Probleme offensiver an. Auch, um zu lernen. Früher wehrte ich mich zu wenig, war zu zurückhaltend. Ich wäre nie zu einem Trainer gegangen, um zu fragen, in welchem Bereich ich mich verbessern müsse oder ob er mit mir zufrieden sei. Diese Offenheit, diese Kommunikation zu pflegen, ist im heutigen Fussball aber sehr wichtig.

Zum Schluss möchten wir noch über Politik reden. Verfolgen Sie diese?

Ich bin ein echter Schweizer: ganz neutral. Aber ganz ehrlich: Ich bin kein politischer Mensch.
Gehen Sie wählen?

Ja, das schon.

Wenn Sie Politiker mit Trainer vergleichen, sehen Sie da Gemeinsamkeiten?

Viele. Das sieht man jetzt in den USA bei Hillary Clinton und Donald Trump. Auch sie sind Reizfiguren geworden, und es werden negative Dinge hervorgeholt. Ich hoffe, dies geschieht bei mir vor dem Spiel gegen die Färöer nicht auch noch. (Lacht.) Spass beiseite: Bei den Politikern ist es wie bei den Trainern: Am Ende entscheidet die Mathematik. Wie viele Leute sind mit der Arbeit zufrieden und geben ihnen an der Urne die Stimme?

Verfolgen Sie den US-Wahlkampf?

Ich bin Beobachter wie viele, die Fussball schauen, ohne viel Ahnung davon zu haben. (Schmunzelt.)

In Gemeinschaftsarbeit mit Markus Brütsch entstanden.

Dieser Artikel wurde auf aargauerzeitung.ch veröffentlicht.

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