Challenge-League-Topskorer Jean-Pierre Nsamé vor Wechsel zu YB

Die Fabelsaison von Servettes Jean-Pierre Nsamé wird voraussichtlich mit einem Wechsel in die Super League zu den Young Boys vergoldet.

«Ich will zu YB und YB will mich», sagt Jean-Pierre Nsamé (24) in den Katakomben des Stade de Genevè, in dem er beim 1:0-Sieg gegen Aarau gerade zum voraussichtlich letzten Mal für Servette aufgelaufen ist. Nsamé spielt eine nahezu perfekte Saison. Der Kameruner, der im Banlieu von Paris aufgewachsen ist, kam vor der Saison aus Angers in Frankreich in die Schweiz. Ablösefrei. Kein Wunder, denn dort hatte der bullige, 1.88 Meter grosse Stürmer kaum getroffen. Zweimal wurde er ohne Erfolg verliehen.

Seit er in Genf ist läuft es für Nsamé wie geschmiert. 30 Mal im Kader, 30 Mal in der Startelf, 22 Tore, fünf Assists, so lautet seine eindrückliche Bilanz. Als bester Spieler der Challenge League ausgezeichnet, gewinnt er aller Voraussicht nach nächste Woche auch die Torjägerkanone dazu. Der Lohn: ein Wechsel in die Super League?

Nsamés schönste Szenen für Servette

 

Sicher ist, dass für Nsamé eine Ablöse fällig wird, da er noch ein Jahr Vertrag in Genf besitzt. Sein Marktwert liegt bei 600’000 Euro. In Bern ist man bereit, für Nsamé tief in die Tasche zu greifen. Auch St. Gallen hatte dem Spieler ein Angebot unterbreitet, doch nun wurden die Ostschweizer von YB ausgestochen. «Ich weiss, dass ich Servette viel zu verdanken habe, aber das gilt auch umgekehrt. Meine Mission hier ist erledigt. Noch eine Saison in der Challenge League würde meine Karriere blockieren», sagt Nsamé, der genau weiss, wie sein Weg weiter gehen soll. «Ich hoffe die letzte Saison war erst der Anfang eines grossen Abenteuers», sagt Nsamé, dessen Idole Cristiano Ronaldo und Didier Drogba sind.

Für den Confed Cup zurück in die Heimat

Noch diesen Sommer steht ein weiteres Highlight auf dem Programm. Nsamé, der sich selbst als «sehr europäischen Afrikaner» bezeichnet, hat gute Chancen, für Kamerun beim Confed Cup zu spielen. Bei dieser Gelegenheit würde er erstmals seit 18 Jahren zurück in seine Heimat zu fliegen. Mit sechs kommt Nsamé mit seiner Schwester und seinem Vater Europa. Seine leibliche Mutter bleibt zurück. In Paris lebt er in armen Verhältnissen. «Da wo ich aufgewachsen bin, gibt es viele Versuchungen, die einen vom richtigen Weg abkommen lassen. Dem zu widerstehen, hat mich mental stark gemacht», sagt er heute.

Nsamé wurde als bester Spieler der Challenge League ausgezeichnet

Drama und seine Tochter ist vergessen

Auch seine zweijährige Tochter gibt Nsamé heute Kraft: «Ich möchte ihr eine Kindheit ermöglichen, wie ich sie nie hatte. Deswegen arbeite ich jeden Tag hart an mir», sagt er. Nach Genf kann er die Kleine wegen eines Zwischenfalls nicht holen. «Die französische Justiz ist langsam. Aber im Sommer sollte meine Familie zu mir in die Schweiz ziehen dürfen.»

Der Hintergrund: Nsamé wird vor zwei Jahren wegen Kindesmisshandlung angeklagt. Angeblich habe er sein Neugeborenes solange geschüttelt, bis es bewusstlos war. Im Spital muss das Baby reanimiert werden. Der Papa wird verhört und darf sich für kurze Zeit weder Tochter noch Freundin nähern. Nsamé bestreitet die Story: «Es ist einfach für Leute, die gar nicht dabei waren, auf einem Fussballer herum zu hacken. So ist das leider. Ich bin nur froh, dass es meiner Tochter gut geht und ich meine Familie wieder sehen darf. Ich liebe sie sehr.»

«Mir ist es gelungen, mein Leben in neue Bahnen zu lenken»

Trotzdem war dieser «Unfall» ein Wendepunkt in seinem Leben. Nsamé kehrt Frankreich den Rücken und wird schliesslich in Genf glücklich. «Mir ist es gelungen, mein Leben in neue, richtige Bahnen zu lenken. Ich bin nun wieder ein glücklicher Mensch», sagt Nsamé und bedankt sich ausdrücklich bei der «unglaublich tollen Genfer Truppe», die ihm bei seiner Entwicklung geholfen hat. «Ich werde den Verein immer im Herzen behalten. Aber alles, was ich Servette jetzt noch geben kann, ist eine gute Ablöse. Ich hoffe die Vereine einigen sich bald», sagt er und macht ein paar letzte Abschiedsfotos mit Genfer Fans. 

Dieser Artikel wurde auf aargauerzeitung.ch veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar