Nach 27 Stunden Wettkampf schwingt Marco Bartel noch das Tanzbein

Einmal im Jahr vollbringt Marco Bartel Unglaubliches, ansonsten ist der Kriminalkommissar ein ganz normaler Zeitgenosse. Ein Trainingstag mit Anekdoten aus der skurrilen Welt des Ultra Triathlons.

Die Haifischflosse im Schwimmbad in Rupperswil gehört zur Badekappe von Marco Bartel (44). Der Bibersteiner hat heute frei und nimmt uns mit zu einem seiner seltenen Trainingstage. Bartel gehört zu den besten Schweizer Ultra-Triathleten. Für den Wettkampf über die doppelte Ironman-Distanz (7,6 km Schwimmen, 360 km Rad, 84,4 km Laufen) benötigt er etwa 27 Stunden.

Der Bibersteiner Marco Bartel erklärt uns seine Sportart Ultra Triathlon

 Am Vormittag stehen zwei Kilometer Schwimmen auf dem Programm. Nach knapp 40 Minuten ist Bartel fertig. «Eigentlich bin ich trainingsfaul und auch gesunde Ernährung ist nicht so mein Ding», sagt Bartel und schaut lächelnd auf seine kleine Wampe. «Nach dem Training esse ich lieber einen Kebab, als einen Proteinshake zu trinken. Deshalb habe ich wohl auch sechs Kilo zu viel auf dem Rippen», sagt er.

Sympatisch, dass auch einer der härtesten Athleten des Landes keinen Adonis vorzuweisen hat. © Jakob Weber 

Windisch, 1987: Als der 14-jährige Marco Bartel in seiner Heimat als Junior bei seinem ersten Triathlon-Rennen ins Ziel kommt, ist dieses bereits abgebaut. «Das hat mich angespornt, weiter zu machen», sagt Bartel, der anschliessend vom Fussball zum Triathlon wechselt. Dort schafft er den Sprung in die Junioren-Nationalmannschaft, zu der er zwei Jahre gehört. Auch weil Bartel eine Herzklappe fehlt, wird aus der Profikarriere im Triathlon nichts.

Über Mittag werden bei einer kleinen Portion Pasta die Kohlenhydratspeicher wieder etwas gefüllt. © Jakob Weber 

Zum Mittagessen gibt es Pasta. Das mit der Menge hat Bartel nicht ganz im Griff. Obwohl er die trockenen Nudeln abwiegt, sind ihm die Portionen zu klein. Am Esstisch erzählt Bartel von seiner Arbeit bei der Kantonspolizei Aargau, wo er zu 100 Prozent angestellt ist. «Längere Trainingseinheiten sind nur an freien Tagen drin», sagt Bartel. Die Wettkämpfe verbindet er mit seinen Ferien.

Zürich, 1997: Bartel steht beim allerersten Ironman Zürich am Start. Seither hat er keine der 19 folgenden Ausgaben mehr verpasst und darf mittlerweile gratis teilnehmen. «Ein Ironman ist für mich gar keine Tortur mehr, da komme ich ohne grosse Vorbereitung ins Ziel», sagt Bartel heute.

Nach dem Schwimmen gönnt sich Marco Bartel einen Schluck aus der Pulle. 

Nach dem Essen steht eine Joggingtour an. Für die neun Kilometer entlang der Aare brauchen wir 50 Minuten. «Schneckentempo», nennt das Bartel. Doch weil das Laufen beim Triathlon die letzte Disziplin ist, rennt er eh nie schneller. «Vielmehr muss ich extra das Langsamrennen üben. Dafür braucht es spezielle Muskelgruppen», sagt er.

Neftenbach, 2012: Bei seinem ersten Ultra Triathlon muss Bartel wegen Rückenbeschwerden aufgeben. Auch im zweiten Anlauf 2013 in Emsdetten (D) steht wegen einem Sturz auf dem Velo ein DNF (did not finish) hinter Bartels Namen. Bis heute zum letzten Mal. «Etwa ein Viertel der Teilnehmer kommt an den Wettkämpfen nicht ins Ziel. Oft sind es übermotivierte Einheimische, die unter dem Applaus der Zuschauer vergessen, mit den Kräften hauszuhalten», sagt Bartel.

Marco Bartel beim Jogging vor seinem Haus in Biberstein. © Jakob Weber 

Während wir joggen, erfahren wir, dass Bartel Vater ist. Seine beiden erwachsenen Töchter (18 und 20) stammen aus einer früheren Beziehung. Auf dem steilen Weg berghoch zurück zu seinem Haus will auch Bartel nicht mehr rennen und spaziert stattdessen die letzten Meter bis zur Wohnungstür.

Panevėžys (Litauen), Weltcup 2015: Auf der Laufstrecke schliesst Bartel zum Schweizer Arzt Beat Knechtle auf Position 3 auf. Die beiden machen ab, gemeinsam ins Ziel zu laufen. Nach 23 Stunden bekommen sie mitgeteilt, dass der Schwede Kristian Kristiansen bedrohlich näher kommt. «Wenn du willst, dann geh», sagt Knechtle zu Bartel. Dieser erwidert: «Nein, die Abmachung gilt.» Gemeinsam raffen sie sich auf und erhöhen das Tempo, so gut es eben noch geht. Der Schwede kommt nicht mehr heran. Die beiden Schweizer dürfen gemeinsam aufs Podium und Bartel feiert seine persönliche Bestzeit von 26h:14min:22sek. Bartel muss dem völlig entkräfteten Knechtle aufs Podest helfen. Ins Bett geht es nach dem Wettkampf nicht, stattdessen wird an der Finisher-Party wie jedes Jahr noch getanzt. 

Im Haus angekommen empfängt uns Bartels Freundin Sabrina. Auf die abschliessende Radtour will sie gleich mitkommen. Auch zu den Wettkämpfen begleitet sie ihren Freund. Ende August dieses Jahres geht die Reise wieder nach Litauen. In seinem sechsten Ultra Triathlon möchte Bartel gerne zum zweiten Mal aufs Podest.

Szenen von der WM 2016 in Litauen:

Panevėžys (Litauen), WM 2016: Nach dem Schwimmen ist Bartel Vierter, dann fällt er kontinuierlich bis auf Rang 12 zurück. Er leidet. In der Verpflegungszone nimmt er eine Suppe entgegen und will sich kurz setzen, um zu essen. «Nichts da, du isst im Laufen», entgegnet ihm seine Freundin streng. Genau diese Art von «Arschtritt» braucht Bartel während der Rennen. Auch der spätere Weltmeister aus der Schweiz Roland Scheurer kann sich ein Jahr zuvor bei seiner Frau bedanken. Als sich Scheurer mitten im Wettkampf kurz hinlegt, um 30 Minuten zu schlafen, weckt ihn seine Frau bereits nach fünf Minuten wieder. «Los 30 Minuten sind um», sagt sie und Scheurer rennt weiter. Dass es in Wahrheit nur ein Fünfminutenschlaf war, erfährt Scheurer erst im Ziel.

Marco Bartel und seine Freundin Sabrina pumpen gemeinsam den Vorderreifen auf. 

Hier finden Sie das Ranking der WM 2016 und das Archiv aller Ultra Triathlons.

Mittlerweile sind dunkle Wolken aufgezogen. «Komm, wir bleiben lieber daheim, bevor wir uns der Regen erwischt», sagt Bartel. Zum Training zwingen will er sich nicht. Bartel macht nur, auf was er Lust hat.

Dieser Artikel wurde auf aargauerzeitung.ch veröffentlicht

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