Basels Portugiesen stehen Kopf: Warum heute die Baustellen ruhen

Fussball kommt vor Arbeit. Viele Basler Portugiesen setzen vor dem Spiel der Spiele klare Prioritäten. Nur einer kann nicht blau machen.

Ricardo Carvalho schneidet sich eine Scheibe vom spanischen Schinken ab und nimmt einen Schluck Sagres. Dann sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus. Benfica? «Wir müssen einfach gewinnen. Ich bin seit meiner Geburt Benfica-Fan. Das Spiel heute gegen Basel ist für uns Basler Benfica-Fans unglaublich wichtig.» Tickets? «Na klar bin ich im Stadion. Ich habe mir sogar das Paket für alle drei Spiele gekauft, obwohl mich nur das eine wirklich interessiert.» Arbeit? «Nein heute ist Ausnahmezustand. Da mache ich frei. Schon am Mittag kommen portugiesische Gäste zu mir nach Hause. Dann essen und trinken wir gemeinsam, bis wir uns auf den Weg zum Stadion machen.»

Wie Carvalho, der tatsächlich genauso heisst wie der Ex-Profi von Real Madrid, bekommen auch viele andere Basler Portugiesen heute Besuch von Freunden und Verwandten. «Wie viele es genau sind, kann ich nicht sagen. Aber es werden sehr viele sein», sagt Ricardo Ramos. Der 30-Jährige betreibt in Kleinhüningen seit sechs Jahren das portugiesische Restaurant «Tugas». Auch er ist Benfica-Fan.


 

Klar ist, dass allein aus Lissabon 1800 Gästefans anreisen. Der Auswärtssektor ist ausverkauft. Dazu kommen die vielen Basler und Schweizer Portugiesen, die wie Carvalho über den FCB Tickets erworben haben. Gut möglich, dass am Ende rund 6000 Fans im Joggeli für Benfica Stimmung machen. «Wir Portugiesen sind sehr euphorisch. Deswegen wird die Gästekurve sicher sehr laut werden», sagt Ramos.

Er selbst kann das Spiel der Spiele nicht live im Joggeli verfolgen. «Ich muss arbeiten. Mein Restaurant ist heute rappelvoll. Wir haben sogar länger geöffnet als normal, schauen das Spiel im Fernsehen und feiern eine grosse Fussballparty», sagt Ramos. «Die Basler Baustellen, auf denen viele Portugiesen arbeiten, ruhen heute. Aber als Gastronom profitiere ich vom Champions-League-Spiel», sagt Ramos.

Der 30-Jährige führt das «Tugas» zusammen mit seinem 16-jährigen Bruder Joao. Ihm das Restaurant für einen Abend zu überlassen und ins Stadion zu gehen, ist keine Option. «Portugiesen sind sehr emotional. Wenn die Leute böse werden, schmeissen sie Stühle und machen alles kaputt. Dann kommt am Ende noch die Polizei», sagt Ramos.

Nicht nur die Familie ist uneins

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum er seinem Bruder nicht alleine das Restaurant überlässt. Denn Joao ist nicht nur zu jung, sondern auch Fan des grossen Rivalen FC Porto. Und als solcher wünscht er Benfica alles Schlechte. Wie auch Ramos’ Eltern, die Sporting Lissabon-Fans sind, drückt Joao heute dem FC Basel die Daumen. «Bei uns in der Familie ist fantechnisch einiges schiefgelaufen», sagt Ramos. Immerhin hat er es geschafft, dass sein Sohn Salvador Benfica-Fan ist.

Über den Ausgang des Spiels herrscht im «Tugos» Uneinigkeit. «2:0 für uns. Seferovic und Jonas machen die Tore», sagt Pedro Mendes. «Ich hätte gerne einen klaren Sieg. Aber ich denke, es wird sehr knapp. Gut möglich, dass es auch ein Unentschieden gibt», sagt Ramos und Carvalho hat zwar Geld auf Benfica gesetzt, glaubt aber, dass Basel gewinnen könnte.

Für Kollegin Rita Silva ist der heutige Tag eine Katastrophe. «Ich bin grosser Benfica-Fan, wohne aber schon viel länger in Basel als in Portugal. Ich weiss nicht, für wen ich heute sein soll. Möge der Bessere gewinnen», sagt Silva. Ins Stadion geht sie nicht. «Ich bin sehr nervös. Im Joggeli sind mir zu viele Leute. Ausserdem gibt es da nur alkoholfreies Bier. Ich bevorzuge ein kaltes Sagres vor dem Fernseher» sagt Silva und lacht.

Dieser Artikel wurde auf bzbasel.ch veröffentlicht.

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