Yannick Steinegger: Als Primarschüler ausgezogen, Schule geschmissen und jetzt Federers Trainingspartner

Yannik Steinegger will Tennis-Profi werden. Dafür zieht er als Primarschüler von zu Hause aus und verzichtet aufs Gymnasium. 

Yannik Steinegger liegt wach im Bett. Am Abend hat er ein SMS bekommen. «Hättest du morgen Zeit? Roger Federer sucht vor dem Swiss-Indoors-Final gegen del Potro noch einen Partner zum Einspielen», heisst es darin.

Der Absender ist kein Geringerer als Marco Chiudinelli. Der mittlerweile zurückgetretene Tennisprofi fragte in einer ähnlich spontanen Aktion mit unbekannter Nummer auch mal selbst bei Steinegger zum Training an. Nun vermittelt Chiudinelli dem 17-jährigen Tennistalent aus Bubendorf das nächste Highlight in seiner noch jungen Karriere.

Federer erinnert sich 

Etwas aufgeregt steht der Teenager am nächsten Morgen auf dem Centre-Court in der St. Jakobshalle. «So sieht man sich wieder», sagt Federer zur Begrüssung. Steinegger freut sich. Sein grosses Idol kann sich noch an ihn erinnern. Bereits vor einem Jahr hatten die beiden bei der Einweihung der Roger-Federer-Allee in Biel ein erstes Mal Kontakt.

«Eigentlich war das 30-minütige Training ganz normal. Ausser natürlich, dass Roger Federer auf der anderen Seite des Netzes stand», sagt der 1,87 Meter grosse Blondschopf ein paar Wochen später. Wir treffen ihn in seiner Jugendhalle in Bubendorf und spielen zunächst ein paar Volleys.

«So sieht man sich wieder», sagt Federer zur Begrüssung, als er Yannik Steinegger sah.

«So sieht man sich wieder», sagt Federer zur Begrüssung, als er Yannik Steinegger sah. © Keystone

Eigentlich will Steinegger wie sein zwei Jahre älterer Bruder Fabian Badminton spielen. Doch seine Eltern drücken dem kleinen Yannik mit sieben Jahren lieber einen Tennisschläger in die Hand. Schnell ist das Feuer entfacht. Stundenlang schlägt er den Ball gegen das Garagentor.

Im TV schaut er seinen Vorbildern zu. Neben Roger Federer gehört wegen seiner beidhändigen Rückhand und seiner listigen Spielweise auch der Argentinier David Nalbandian dazu. Bald darauf trainiert Steinegger unter Peter Frey an der regionalen Tennisakademie Tif in Frenkendorf.

64 000 Kilometer für das Training

Als Frey 2012 zur Tennisakademie nach Biel wechselt, stellt sich für das zwölfjährige Talent die Frage: Bleiben oder Mitkommen? Weil ihm das Tennis wichtiger als alles andere ist, folgt Steinegger seinem Trainer. Die Fahrdienste übernimmt damals wie heute für den Interviewtermin Mama Corinne.

Die Schweizer Tennishoffnung Yannick Steinegger aus Bubendorf hat die Schule geschmissen und trainiert jetzt täglich in Biel.

Die Schweizer Tennishoffnung aus Bubendorf hat die Schule geschmissen und trainiert jetzt täglich in Biel.  © Kenneth Nars

Unglaubliche 400 Mal fährt sie im ersten Jahr die rund achtzig Kilometer nach Biel und wieder zurück. Weil sie seit der Geburt ihrer beiden Söhne nicht mehr arbeitet, hat sie – anders als Papa Dieter, der Schulleiter in Liestal ist – die Zeit dafür.

«Ich habe Yannik morgens hingebracht und abends wieder abgeholt. Für ihn gab es früh nur Tennis. Wegen seines unbändigen Willens haben wir Yanniks Entscheidung nie infrage gestellt. Wir unterstützen ihn, so gut es geht», sagt sie.

Für die Familie nicht immer einfach 

Dennoch ist die Situation für die Familie nicht einfach. Schnell bleibt der Sohnemann immer öfter auch über Nacht in Biel. Die Eltern und den Bruder sieht er nur noch an freien Wochenenden. Yannik zieht quasi als Primarschüler von zu Hause aus.

Klar, dass da vor dem Abschied auch gelegentlich Tränen fliessen. «Manchmal wünsche ich mir ein normales Familienleben», sagt seine Mutter heute, doch sie sagt auch: «Ich habe gelernt, die wenige Zeit mit meinem Sohn viel mehr zu geniessen.»

Yannik Steinegger lächelt, während er einen schwierigen Ball butterweich zurückspielt. Die Freude am Spiel ist ihm auch während der Ballwechsel für das Fotoshooting anzusehen. Dass er bereits mit zwölf Jahren voll auf die Karte Profitennis setzt, wird ihm erst zwei Jahre später bewusst, als er vom ehemaligen Schweizer Davis-Cup-Spieler Stephane Bohli trainiert wird.

Yannick Steinegger © Kenneth Nars

Im Sommer 2015 folgt dann der Schritt ins nationale Leistungszentrum. Seitdem wird die Baselbieter Nachwuchshoffnung von Wilson unterstützt. Neben Schläger, Saiten und Kleidung kommt Steinegger vor allem die Flatrate auf Schuhe zugute. Im Winter verbraucht er in etwa ein Paar pro Woche.

Das Umfeld ist wichtig 

Steinegger weiss, dass er den Weg zum Profisport nicht alleine gehen kann: «Talent ist nicht das Wichtigste. Neben Selbstdisziplin und Kampfgeist ist vor allem ein gutes Umfeld wichtig», sagt er und klingt dabei nicht so, als hätte er sich diese Floskel bereitgelegt. Sein momentaner Trainer Roland Burtscher sagt: «Weil die Konkurrenz in einer weltumspannenden Sportart sehr gross ist, sind die Chancen für jeden, der eine erfolgreiche Tenniskarriere anstrebt, eher gering.»

Doch Burtscher lobt die Akribie, die Leidenschaft und den Mut seines Schützlings. «Alle erfolgreichen Schweizer Spieler haben früh denselben Weg eingeschlagen wie Yannik. Ich kenne zwar wesentlich mehr Spieler, die Mitte zwanzig umgesattelt und eine Berufsbildung absolviert haben, aber die Wahrscheinlichkeit lebt.»

Er scheut kein Risiko 

Steinegger selbst scheut für seinen Traum kein Risiko. 2016 bricht er nach einem einzigen Jahr Gymnasium die Schule ab. Bei diesem Entscheid kann er sich auf die Unterstützung der Eltern ebenso verlassen wie bei der Finanzierung seiner Leidenschaft. Rund 35 000 Franken zahlen die Steineggers jährlich für Training, Internat und Reisen.

Yannick Steinegger beim Volley © Kenneth Nars

«Ich hoffe, dass ich die Investitionen irgendwann zurückzahlen kann», sagt Steinegger. Im vergangenen Jahr gewinnt er an nationalen und gelegentlich auch internationalen Turnieren nur rund 1000 Franken Preisgeld. Und das, obwohl sich Steinegger zusammen mit dem gleichaltrigen Luca Stäheli Doppel-Schweizer-Meister 2017 nennen darf.

2018 soll ein Grand Slam her

Stäheli ist nicht nur Trainings- und Doppelpartner, sondern auch Steineggers Zimmergenosse in Biel. 2013 lernen sich die beiden zufällig auf einem Turnier in Slowenien kennen. Heute sind sie beste Kollegen. Im nächsten Jahr wollen beide auch vermehrt internationale Turniere, sogenannte ITF-Juniors, spielen.

Sammelt Steinegger dort genügend Punkte und macht er so in der Weltrangliste einige Plätze gut, könnte er sich zum ersten Mal für ein Grand-Slam-Turnier bei den Junioren qualifizieren. «2018 gehen wir auf Punktejagd, um dieses Ziel zu erreichen», sagt Steinegger. Zum Abschluss kann er es nicht lassen, den letzten Volley per Smash im Eck zu versenken.

 

Dieser Artikel wurde auf bzbasel.ch veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar