Pfeifenraucher Theo: Basler Forscher stehen vor der Identifikation des berühmten Schädels

Nachdem der Top-Kandidat durch die DNA-Analyse ausgeschieden ist, kommen noch sieben Personen infrage Theo der Pfeifenraucher zu sein. Eine Geschichte, die so heiss ist, dass sich sogar der «Spiegel» dem «Fall Theo» widmete.

Theo heisst eigentlich gar nicht Theo. Doch unter welchem Namen der berühmte Pfeifenraucher vor rund 200 Jahren durch die Kleinbasler Gassen lief, könnte bald geklärt sein. Basler Forscher reduzierten die Zahl von ursprünglich 4334 Kandidaten auf sieben. Die heisseste Spur führt nach Amerika, eine andere deutet sogar auf einen Mordfall hin, aber um die ganze Geschichte zu verstehen, reisen wir zunächst in die Vergangenheit.

Theo wird Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem Friedhof an der Kirche St. Theodor begraben. Im Jahr 1833 wird der Friedhof geschlossen. Vor lauter Toten ist schlicht kein Platz mehr und Theo wäre für immer in Vergessenheit geraten. Doch 151 Jahre später installiert das Schulhaus Theodor eine Wärmepumpe. Bei den routinemässigen Vorarbeiten der Archäologischen Bodenforschung der Stadt Basel kommen zahlreiche Gerippe zutage. Unter ihnen auch Theo. 

Zunächst werden die Skelette im Keller des Naturhistorischen Museums zu Forschungs- und Ausstellungszwecken gelagert. Im Jahr 2004 feiert Theo dann quasi seine Widerauferstehung. Aufgrund seiner abgetrennten Füsse und der aussergewöhnlichen halbkreisförmigen Lücken im Gebiss wählen Basler Archeologiestudenten Theos Gebeine aus, um diese genauer zu analysieren. Die Deformation der Zähne führen die Nachwuchsforscher auf Tabakkonsum und das tönerne Mundstück einer Pfeife zurück. Aufgrund des Fundortes und der Tabakpfeife kommt Theo der Pfeifenraucher zu seinem Spitznamen.

Jetzt kommt der Kurator des Naturhistorischen Museums, Gerhard Hotz, ins Spiel. Von den Theorien der Studenten inspiriert, entscheidet Hotz gemeinsam mit einigen seiner Kollegen, so viel wie möglich über den Mann, von dem man nicht mehr als ein paar Knochen hatte, herauszufinden. «Unser Ziel war es von Anfang an, die Person zu identifizieren und ihre Alltagsgeschichte zu erforschen», sagt Hotz. Das sei bislang noch keiner Forschungsgruppe gelungen.

Bislang noch niemand gelungen

Als Ausgangspunkt dient den Forschern der Nutzungszeitraum des Friedhofs. Zwischen 1779 und 1833 wurden neben der Theodorskirche 4334 Menschen begraben, 2069 davon waren Männer und einer von ihnen Theo. Um den Kandidatenkreis weiter zu verringern, widmeten sich die Forscher der Herkunft und dem Todesalter. Strontium ist überall in spezifischen Mengen vorhanden. Weil sich das Element während der Kindheit im Gebiss einlagert, gibt eine chemische Analyse der Zähne Auskunft darüber, woher ein Mensch stammt. Theo stammt demzufolge aus Basel und verbrachte auch seine Kindheit hier

 

 

 

Ähnlich wie die Jahresringe an einem Baum bilden sich auch in den Zahnwurzeln Ringe, von denen die Forscher ablesen konnten, wie gut es Theo Zeit seines Lebens ging. Demnach wurde Theo dreissig Jahre alt und musste als 16-Jähriger eine schwere Krankheit durchgemacht haben. So konnten Hotz und seine Kollegen den Kreis auf 134 Basler Kandidaten verringern. Anhand der tiefen Grabposition gingen die Forscher davon aus, das Theo nach der grossen Typhusepidemie von 1814 bestattet wurde. Es blieben immer noch 25 Kandidaten.

Rechtshänder und nicht sehr muskulös

Die Forscher widmen sich jetzt Theos Beruf. Aus der Analyse seiner Armknochen geht hervor, dass der Pfeifenraucher Rechtshänder war und keine Arbeit ausübte, die körperlich sehr anstrengend war. Als Raucher konnten die Forscher auch eine Tätigkeit im Textil- oder Holzgewerbe ausschliessen und die Auswahl so auf zwölf Verdächtige eingrenzen.

Jetzt wird es kompliziert. Zur genauen Identifikation benötigen die Forscher einen DNA-Abgleich. Im Staatsarchiv rekonstruiert eine Gruppe Genealoginnen um Marina Zulauf-Semmler die Stammbäume der zwölf Kandidaten. Weil zunächst nur Theos mitochondriale DNA isoliert werden kann, gerät das Projekt ins Stocken. «Frauen ändern oft ihre Namen, das Ganze gestaltete sich mühsam», sagt Hotz. Doch als es zwei Berliner Forensikern gelingt, Zellkern-DNA zu isolieren, keimt neue Hoffnung auf.

Topkandidat scheidet aus

Durch die Rekonstruktion der Stammbäume schliessen die Forscher einen weiteren Kandidaten aus und erstellen ein Ranking. Anhand dessen werden die Verdächtigen abgearbeitet. Topkandidat ist Peter Kestenholz. Sein Urahn Walter wohnt heute in Liestal. «Irgendwann hat mich Herr Hotz kontaktiert und mir das Buch über Theo geschenkt. Das habe ich gelesen und mich dann mit dem Forscher getroffen», sagt Walter Kestenholz. Seine DNA gibt der Baselbieter gerne frei. Doch nach der Analyse kommt die Ernüchterung. Theo ist nicht mit Walter Kestenholz verwandt und demzufolge nicht sein Urahn Peter.

Achiles Itin ist der Nächste auf der Liste. Ein Nachfahre Itins wohnt heute in Amerika. Noch diesen Monat wird ihm Hotz per Kurier einen Brief schicken. «Ich hoffe, dass er antwortet, unser Projekt interessant findet und uns seine DNA zur Verfügung stellt», sagt Hotz, doch er weiss auch: «Ganz so einfach wie bei Kestenholz wird die Kontaktaufnahme nicht werden.»

Ist Theo gar ein Mordopfer?

Sollte der genetische Vergleich auch bei Itin negativ ausfallen, ist Christian Friedrich Bender an der Reihe. Glaubt man den Behörden, hat sich Bender im November 1818 die Kehle durchgeschnitten. Sollte Bender aber tatsächlich Theo sein, könnte der Polizei damals ein Fehler unterlaufen sein. Laut Bericht im Staatsarchiv wurden die Schnitte von rechts nach links geführt. Ein Rechtshänder wie Theo hätte bei einem Selbstmord andersherum geschnitten. Aus den Akten aus dem Staatsarchiv geht hervor, dass Benders Frau Sara von drei Personen befragt wurde und angab, ihr Mann sei Melancholiker gewesen. Hotz sieht zwei mögliche Erklärungen: «Entweder will Sara mit der Depressionsbeichte dafür sorgen, dass ihr Mann trotz Selbstmord ein ordentliches Begräbnis erhält oder sie hat gelogen und somit einen Mord vertuscht.» Möglicherweise den Mord an Theo dem Pfeifenraucher.

 

Dieser Artikel wurde auf bzbasel.ch veröffentlicht.

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