Kolumne: Skurrile Balzbeobachtungen und hoffnungslose Aussetzungsversuche

Befruchtung durch Oralsex ist Babos Spezialität. Wenn seine Kinder geschlüpft sind, will er sie fressen. Gegen die Evolution im heimischen Aquarium ist auch der fürsorgliche Mensch machtlos.

Babo ist der Boss. Sobald sich ein Artgenosse seinem Revier nähert, braust er in dessen Richtung und verjagt ihn. Vor allem wenn es um sein Haus, eine ausgehöhlte Kokosnuss, geht, kennt Babo kein Pardon. Dann beisst er auch gerne Mal zu. Nur ein namenloses Weibchen darf von Zeit zu Zeit in seiner Nuss hausieren. Ausschliesslich zu Paarungszwecken versteht sich. Die dann möglichen Balzbeobachtungen zwischen Babo und seiner Geliebten sind so spannend, dass der Bachelor und alles andere, was auf der Mattscheibe nebenan flimmert, keine Beachtung mehr verdient.

Zuerst legt das Weibchen rund fünfzig Eier ab, um diese dann sofort mit dem Mund auszunehmen. Weil Babo an seiner Analflosse eierähnliche Flecken hat und das Weibchen darauf erpicht ist, kein einziges Ei zu vergessen, steuert es direkt auf die gelben Flecken an Babos Unterleib zu. Darauf hat der Boss nur gewartet. Statt Eier bekommt das Weibchen eine Ladung Sperma in den Mund. Denn Befruchtung durch Oralsex ist Babos Spezialität.

Babys schlüpfen im Maul der Mutter

Rund zwanzig Tage später schlüpfen die Babys. Immer noch im Maul der Mutter. Wenn diese zehn Tage später den Mund vor lauter Babys nicht mehr richtig zu bekommt, ist es Zeit zu handeln. Denn wenn Mamabuntbarsch ihre Babyfischchen ins offene Aquarium entlässt, hat der stets hungrige Babo sie wenig später verspeist. Um die Kleinen zu retten, hilft ein Baby-Netz in der oberen Ecke des Aquariums. Dort können die Babys vor ihrem Vater geschützt aufwachsen. Bis zum nächsten spannenden Moment: Wenn der grösser gewordene Nachwuchs dann ein paar Monate später freigelassen wird.

Jetzt greift der Besitzer ein

Als fürsorglicher Fischfreund habe ich irgendwann entschieden einzugreifen. Kurz bevor die Babys gross genug sind und das Maul der Mutter verlassen, fange ich das trächtige Weibchen mit einem kleinen Kescher ein. Die Babys drücke ich aus ihrem Mund in ein Netz, das oben rechts im Aquarium hängt. Dort wachsen die Kleinen wohlbehütet auf. Es sei denn, ein erwachsener Fisch findet durch einen gezielten Sprung durch die Luft und über den zwei Zentimeter über der Wasseroberfläche liegenden Rand den Weg ins Netz. Zwei Mal ist den raffinierten Fleischfressern dieses Kunststück tatsächlich geglückt.

Irgendwann kommt aber der Punkt, an dem die Babys schlicht zu gross für das Netz geworden sind. Höchste Zeit für die «Freiheit». Ein besonders grosses Exemplar muss als erstes dranglauben. Am nächsten Morgen finde ich ihn zitternd und mit abgebissener Schwanzflosse vor. Ab, zurück ins Netz. Doch dort attackieren sich die Geschwister mittlerweile gegenseitig.

Nachdem ich auch aus dem Netz zwei Fischleichen fischen musste, entscheide ich mich, die restlichen drei Jungfische gleichzeitig auszusetzen. Doch die Evolution schlägt gnadenlos zu. Der einzige Babyfisch, der immer noch lebt, war nie im Netz. Er wuchs in einer Schneckenmuschel und dann unter einem Stein auf und hat gelernt, Babo aus dem Weg zu gehen. Long live Cornelius.

 

Dieser Artikel wurde auf bzbasel.ch veröffentlicht.

 

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