In dieser Basler Sekundarschule wird anders unterrichtet – sieht so die Schule von morgen aus?

An der mit dem Schweizer Schulpreis ausgezeichneten Basler Sekundarschule wird komplett anders unterrichtet, als wir das gewohnt sind. Alter und Niveau werden gemischt und Klassenzimmer sehen aus wie Grossraumbüros. Ein Model für die Zukunft?

In der Sekundarschule Sandgruben ist alles ein wenig anders. In den Lernateliers, wie die Schulklassen dort heissen, findet man jedes Alter und jede Intelligenz. Erstklässler, wie die zwölfjährige Lilly aus dem P-Zug, lernen gemeinsam mit Drittklässlern aus dem A-Zug und Zweitklässlern aus dem E-Zug. Klassen, wie wir sie kennen, gibt es gar nicht mehr. Stattdessen sind 50 bis 60 Schüler zusammen in einem Atelier untergebracht. Insgesamt beherbergt die Schule momentan neun solcher Einheiten.

Betreut werden die Schüler nicht mehr von einem Klassenlehrer, sondern von einem fünf bis achtköpfigen Lehrerteam. Das hat zur Folge, dass das Klassenzimmer einem Grossraumbüro gleicht. Im Hauptraum stehen durch Trennwände abgetrennt die persönlichen Schreibtische der Schüler und des Lehrerteams. An das Hauptzimmer grenzt ein Gruppen- und ein Inputraum. Letzterer erinnert mit Wandtafel und Tischreihen dann doch noch an die traditionelle Schulklasse, in der ein Lehrer vorne doziert und die Schüler artig lauschen.

Zwei Drittel des Stundenplans sieht für jeden Schüler Input vor. Dafür wird das Atelier gedrittelt. Je nach Fach ist dann aber die Zusammensetzung der Gruppen anders. In Deutsch wird zum Beispiel altersdurchmischt unterrichtet. Dafür sind dann alle Schüler, die gleichzeitig Input haben, im gleichen Zug (A, E oder P). In Mathematik oder in Sprachen wird dagegen niveaudurchmischt unterrichtet. Das restliche Drittel arbeiten die Schüler individuell an ihren persönlichen Lernplänen.

Schweizer Schulpreis 2017

Der Grund für das neue Konzept, das jüngst mit dem Schweizer Schulpreis 2017 ausgezeichnet wurde, sind gesellschaftliche Veränderungen. «Für die Kinder ist es unwahrscheinlich, dass sie 20 Jahre lang den selben Beruf ausüben. Deswegen sollen die Schüler schon in der Schule lernen, wie sie selber zu neuem Wissen kommen», sagt Schulleiter Götz Arlt. Als eine bessere Schule sieht er seine Sandgrube aber nicht: «Wir haben lediglich eine Lösung gefunden, die für uns gut ist. Der Preis bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.»

Zwei wichtige Pfeiler des alternativen Schulkonzepts beziehen sich auf Motivations- und Lernforschung. «Die Motivation ist begrenzt, wenn man alle 45 Minuten in einem neuen Zimmer ein anderes Fach hat», sagt Arlt und fügt hinzu: «Nur wer sich in der Schule wohl fühlt, lernt auch.»

Gute Laune herrscht: Lehrerin Ira Patocka mit zwei ihrer Schülerinnen Lilly (Mitte) und Melina © Jakob Weber

Die Rückmeldung der Schüler gibt ihm recht. Viele bleiben sogar freiwillig bis weit nach Schulschluss noch in der Schule. «Ich finde es hier besser als in der Primar», sagt die Drittklässlerin Melina. Warum? «Weil man hier nicht so aufeinander arbeitet und selbstständig lernen kann.» Lernt ihr denn tatsächlich selbstständig? «Klar nutzen wir den Freiraum auch mal für Privatgespräche, aber wir lernen auch viel.» Bremsen dich die A-Zügler nicht? «Nein. Ich bin froh, wenn ich denen Mal helfen kann. Das ist dann immer eine Bestätigung, dass ich selber das Thema begriffen habe.»

Auch Lilly aus dem P-Zug, eine vom Typ Hermine Granger aus Harry Potter, die alles weiss und gerne dran genommen wird, geniesst die Freiheiten. «Früher habe ich mich genervt, wenn ich nicht drangenommen wurde. Jetzt kann ich im Atelier selber entscheiden, was ich lernen will und wenn ich mal früher fertig bin, lese ich ein Buch», sagt sie.

Mehraufwand für die Lehrer

Was den Schüler auf den Weg gegeben werden soll, müssen auch die Lehrer vorleben: Ohne Teamarbeit geht es nicht. Dafür verpflichten sich alle Lehrer 20 Prozent zusätzlich zu ihrem Stundenpensum im Atelier anwesend zu sein. Sie bereiten dort den Unterricht vor oder stehen den Schülern bei Fragen zur Verfügung. «Die Arbeit hier ist eindeutig mit mehr Aufwand verbunden», sagt Ira Patocka. Sie unterrichtet das Atelier mit Lilly und Melina und muss einen Unterricht konzipieren, der für mehrere Altersstufen und Niveaus funktioniert. Doch auch für Patocka, die vorher sechs Jahre in Bayern arbeitete, überwiegen die Vorteile: «Die Schüler sind hier selbstständiger, besser organisiert und trauen sich mehr zu. Das hilft ihnen auch im Alltag.»

 

Dieser Artikel wurde auf bzbasel.ch veröffentlicht.

 

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