Slam Poet Kilian Ziegler: «Vegetarier und Hipster sind ein gefundenes Fressen»

Der Poetry-Slam-Schweizer-Meister aus Olten spricht im grossen Interview über willkürliche Bewertung, Alkoholprämien, gute und schlechte Witze und erzählt, wie es sich als selbständiger Slam-Kabarettist so lebt.

Schon mehrfach war Kilian Ziegler im Finale. Jetzt hat es endlich geklappt, und zwar gleich doppelt. Ende März wurde der Oltner Schweizer Poetry-Slam-Meister im Einzel und Doppel. Diese Woche feiert Ziegler in der Vario Bar ausserdem sein zehnjähriges Bühnenjubiläum. Beide Shows sind bereits ausverkauft. Es läuft bei Ziegler, könnte man sagen.

Sportler geben im Siegerinterview immer dieselben langweiligen Floskeln von sich. Ein Slam Poet sollte das besser können. Also: Wie fühlen Sie sich nach dem Schweizer Meistertitel?

Kilian Zieger: Gut, aber seltsam. Ich habe zwar mit dem Titel geliebäugelt, aber es ist immer noch komisch, jetzt gleich Doppel-Schweizermeister zu sein. Es ist eine schöne Bestätigung, aber kein Grund zur Einbildung. Denn ich weiss: Bei der Vergabe des Titels herrscht Willkür.

Weil nur das Publikum entscheidet?

Ja. In drei K. o.-Runden wird aus acht Finalisten ein Sieger erkoren. Dabei zählt nur der Applaus. Wir machen zwar Wort-Sport. Aber anders als beim echten Sport gewinnt nicht immer der Beste.

Also sind Sie gar nicht der beste Schweizer Slam Poet?

Ich würde sagen, ich gehöre zu den Besten. Die Beurteilung ist mega-subjektiv, je nachdem wer gerade im Publikum sitzt. Manchmal gewinnt der Lustige, manchmal der Ernste, manchmal einer, der gerade das aktuellste Thema aufgegriffen hat. Dennoch: Schweizer Meister ist ein schöner Titel. Damit brüste ich mich gerne.

Kilian Ziegler – Einzel-Finale Poetry Slam Schweizermeisterschaften 2018

Brüsten Sie sich auch mit der Titelprämie?

Ausser einem Pokal und einer Flasche Absinth gibt es nichts. Normalerweise gibt es für den Sieger eines Slams immer Whiskey. In Winterthur munkelt man, die Verantwortlichen hätten einen Absinth-Sponsor.

Mögen Sie überhaupt Whiskey?

Nicht besonders. Meist verschenke ich den Preisalkohol.

Welche Privilegien geniessen Sie als Schweizer Meister?

Die Aussenwahrnehmung ändert sich. Die Leute denken: «Schweizer Meister? Der ist sicher gut.» Deswegen steht das jetzt auch ganz oben auf meiner Homepage.

«Die Agile Liga» (Phibi Reichling & Kilian Ziegler) im Team-Finale der Poetry Slam Schweizermeisterschaften 2018 im Casinotheater Winterthur.

War der Schweizer Meistertitel für Sie wie der Oscar für Leonardo di Caprio?

Sehr schön. Das hat was. Die ersten Schweizer Meisterschaften im Slam Poetry in Olten 2010 habe ich mitorganisiert. Seitdem war ich viermal im Finale, aber nie ganz oben. In der Szene haben mir viele gut zugeredet und gesagt: «Dieses Jahr gewinnst du endlich.» Das hat mich dezent unter Druck gesetzt.

Was kommt jetzt noch? Die WM?

Es gibt die deutschsprachigen Meisterschaften. Die sind 2018 sogar in Zürich. Da werde ich mitmachen. Aber da ist es noch viel willkürlicher als eh schon. Es machen 150 Slammer mit. Das Niveau ist verdammt hoch. Da mache ich mir keine Hoffnungen. Auch wenn es geil wäre, einen internationalen Titel zu gewinnen.

In Ihrem Finaltext ist die Rede vom finnischen Saunameister Yuri Mülltonen. Wie entstehen solche Wortwitze?

Oft fallen sie mir assoziativ beim Schreiben ein. Bei Yuri Mülltonen war es aber so, dass ich den fertigen Text gelesen habe und mir aufgefallen ist, dass Mülltonnen wie ein nordischer Nachname klingt. Es ist absurd. Ich kann nicht sagen, wie ich auf diese Ideen komme. Sie kommen einfach.

Haben Sie eine Witzesammlung, aus der Sie sich für Ihre Texte bedienen?

Was mir einfällt, notiere ich. 90 Prozent sind unbrauchbar. Aus dem Rest entsteht dann gelegentlich ein Text. Eine Liste mit Witzen, die ich abarbeite, habe ich nicht.

Bei diesem Witz lachte ausser Ziegler selber niemand

«Ich habe sogar Angst davor, barfuss zu gehen. Denn jedes Mal, wenn ich keine Socken trage, kriege ich kalte Füsse.» Bei diesem Witz lachte ausser Ziegler selber niemand. © Piere Lippuner

Welche Zutaten braucht ein guter Text?

Er muss mich zum Lachen bringen und er muss mich überraschen. Neueinsteiger kopieren oft bestehende Poeten. Das ist überhaupt nicht schlimm, aber langweilig.

Lachen Sie über Ihre eigenen Texte auch nach mehrmaligem Vortragen noch?

Eine Pointe ist nur einmal lustig. Wenn das Publikum lacht, bringt mich das aber oft selber zum Lachen, obwohl ich den Witz schon kenne.

Sie ahnen ja, wann das Publikum bei Ihren Texten lachen sollte. Wie oft werden Sie selber überrascht?

Alte Texte funktionieren überall gleich. Sei es in Olten oder in Zürich, vor Studenten oder im Altersheim. Bei neuen Texten kommt es aber oft vor, dass mich das Publikum überrascht. Die schmeissen sich dann bei billigen Witzen weg. Oder finden meinen Lieblingswitz gar nicht lustig.

Haben Sie ein Beispiel?

(überlegt lange) Das Thema war Angst. Die Textstelle ging so: «Ich habe sogar Angst davor, barfuss zu gehen. Denn jedes Mal, wenn ich keine Socken trage, kriege ich kalte Füsse.» Für mich war das lustig um die Ecke gedacht. Aber der hat nie funktioniert.

Auf der Bühne nehmen Sie sich gerne selber hoch, indem Sie nach einem besonders plumpen Witz den Kopf schütteln. Schauspiel oder Ernst?

Ich liebe es, mich selber zu ironisieren. Dass ich über mich lache sorgt dafür, dass ich nicht von oben aufs Publikum herabschaue. Und es entlastet mich. Es gibt so viele dumme Witze, die aber gerade deshalb trotzdem lustig sind. Ich versuche, einen Mix aus feiner Klinge und plumpen Wortspielen zu bieten.

Sind all Ihre Witze Eigenkreationen?

Alle. Mein Stolz würde es nicht zulassen, Pointen zu klauen. Das ist das Schlimmste, was ein Kabarettist machen kann.

Warum sind immer dieselben Charaktere Opfer von Pointen? Stichwort: Vegetarier, Steinerschüler, Hipster.

Die sind gefundenes Fressen. Als Künstler suchst du Berührungspunkte mit dem Publikum, über die man gemeinsam Lachen kann. Aber man sollte es sich nicht zu einfach machen. Sechs Minuten Hipster-Bashing verträgt keiner.

Kann man Lustigsein lernen?

Weiss nicht. Eine gewisse Grunddisposition in Sachen Lustigkeit kann sicher nicht schaden. Ansonsten gilt: Learning by doing. Zu meinem ersten Slam habe ich mich angemeldet, bevor ich meinen Debüttext geschrieben hatte. Schwierig wird es, wenn unlustige Leute auf Biegen und Brechen versuchen, lustig zu sein.

Sie belustigen seit zehn Jahren das Publikum. Was hat sich verändert?

Es gibt mehr Poeten, mehr Slams und die meisten wissen, was Poetry Slam ist. Unsere Textgattung hat es sogar ins offizielle Oberstufen-Lehrmittel Deutsch geschafft.

Kilian Ziegler © Piere Lippuner

Hier gibt es noch mehr Videos zu Zieglers Texten

Wird Slam immer mehr zur Comedy?

Es ist empirisch bewiesen, dass lustige Texte besser ankommen. Trotzdem kann Poetry Slam mehr als Comedy.

Warum?

Wir können noch andere Facetten einbringen. Einen Rap-Part oder Reime. Ein Stand-Up-Comedian benutzt keine Alliterationen oder Refrains.

Sie leben seit 2011 vom künstlerischen Schaffen. Müssen sie sparen?

Ich kann mich nicht beklagen, habe viele Auftritte. Mit Soloprogramm, Workshops und Auftritten in Firmen kommt genug zusammen. Ich kann gut davon leben.

Wann kommt die eigene Late-Night-Show?

Wer weiss. Ich bin auf jeden Fall offen für solche Projekte. Vielleicht erweist sich der Schweizer Meistertitel als Boost für die Kilian-Ziegler-Late-Night Show.

 

 

Zur Person:

Kilian Ziegler (33) aus Trimbach gehört zu den bekanntesten Slam Poeten der Schweiz und darf sich seit kurzem Doppel- Schweizer-Meister nennen. 2008 stand er zum ersten Mal auf der Bühne. Seit 2011 lebt Ziegler von seinem künstlerischen Schaffen.

Dieser Artikel wurde auf oltnertagblatt.ch veröffentlicht.

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