Picasso lebt

Eine Gute-Nacht-Geschichte für kunstinteressierte Eltern und deren Kinder, die Picasso und Co eigentlich langweilig finden.

„Muss das sein?“ Lenny hat schon vor der dicken Eichenholztür genug vom Museum und fängt an seine kleine Schwester Anna an den Haaren zu ziehen. „Kunst ist was für Mädchen“, sagt Lenny. „Das stimmt doch nicht“, fährt Ruth ihren Sohn an. „Da drin ist alles ganz bunt. Picasso war ein grosser Künstler, der gerne mit ganz viele Farben auf die Leinwand gemalt hat. Das wird euch gefallen“, sagt sie und schiebt ihre zwei Kinder in den Eingangssaal.

Picasso lebt. Nicht sein Körper, dessen Überreste liegen im Garten seines Schlosses in Vauvenargues begraben. Doch sein Geist starb nie. 44 Jahre nachdem Picassos Sarg vermeintlich für immer geschlossen wurde, fällt ein Regenwurm auf die Nase des Schädels. „Wie ist das möglich?“, fragt sich Picassos Geist. Sein Blick wandert sofort entlang des Sargdeckels. Und tatsächlich ist da ein kleines Loch im Holz, durch das der Wurm in den Sarg gekommen sein muss. Wenn der durch das Loch reingekommen ist, komme ich auf selbem Weg auch heraus“, denkt sich Picasso und zwängt sich durch die Öffnung. Wenig später ist er seinem Sarg entwichen und gelangt durch den vom Regenwurm gegrabenen Tunnel an die Erdoberfläche.  Picasso ist jetzt ein Gespenst.

„Mama, wieso hängt hier so ein Scheiss?“ fragt Lenny. „Sag mal Lenny, wie redest du eigentlich. Du hast Glück, dass Papa das nicht gehört hat“ entgegnet Ruth. „Das ist Kindergekritzel. So habe ich in der Primarschule auch gemalt“, sagt Lenny und fängt an zu singen: „Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist das Mondgesicht.“ „ Dann male doch gleich los, wenn wir zu Hause sind. Ich habe ja bald Geburtstag und wünsche mir so ein Bild von dir“, sagt Ruth und fuchtelt mit der Hand durch ihre Kurzhaarfrisur. „Nö. Kein Bock“, bellt Lenny und ist schon im nächsten Raum verschwunden.

Von Vauvenarques lässt sich Picassos Geist mit dem Wind gen Süden treiben, bis nach drei Tagen ein Gebirge seinen Flug stoppt. Müde und nach einem Unterschlupf suchend, rollt er sich in einem am Boden liegenden Ahornblatt zusammen. Damit sich keiner über das schlafende Gespenst wundert, nutz Picasso seine besondere Fähigkeit. Er verwandelt sich in eine Raupe und schläft sofort ein.

„Mama, wieso hat die Frau da ein grosses und ein kleines Ohr“, fragt Anna und zeigt mit dem Finger auf ein grosses Portrait mit goldenen Bilderrahmen. Ruth überlegt. Dann sagt sie: „Vielleicht war sie nicht artig und der Lehrer hat sie immer am linken Ohr gezogen.“ „Quatsch“, sagt Anna. „Das ist ein Alien. Die sind nämlich grün und haben immer ganz komische Ohren.“

Picasso wacht von einem Rauschen auf und erschrickt. Sein Bett ist jetzt ein Boot, das gerade von einer Stromschnelle erfasst wird. Der Fluss wird breiter und breiter, die Strömung schwächer und schwächer. Ein Schwan pickt nach dem Ahornblatt und zwingt Picasso zur Flucht. Er hat keine Augen für den schneebedeckten Pilatus, denn ein verlockender Duft hat seine Erinnerungen geweckt. Flieder mit Nelken. Kann das wahr sein? Du hier? Picasso lässt seine Raupengestalt zurück und schwebt unter der Kapellbrücke hindurch, setzt zum Steilflug an und springt über die Dächer von Luzern. Der Flieder-Nelken-Duft, den Jaqueline immer an sich trug, nimmt zu. Picassos Vorfreude steigt.

„Mama, hast du gewusst, dass der Alien Jacqueline heisst? Hier steht sein Name“ „Nein, aber ich glaube nicht, dass das ein Alien ist. Das ist doch die Geliebte von Picasso. Dem Maler des Bildes.“ „Sind Geliebte immer nackt?“ „Nein. Natürlich nicht.“ „Die von Pikatscho, oder wie der komische Maler heisst, aber schon.“ Ruth blickt herum, sieht auf jedem Bild mindestens zwei entblösste Brüste und sagt nichts.

Durch einen Fensterspalt zischt Picasso seiner Liebsten entgegen. „Jacqueline. Ich wusste, dass du hier bist“, schreit er beim Anblick des Bildes. Jacquelines schweigt. Das Bild mit dem goldenen Rahmen hat sein Leben lang nichts anderes getan. Picasso huscht auf den letzten Metern zu seinem Lieblingswerk zwischen zwei Museumsbesuchern hindurch und kuschelt sich an die Rückseite seines Bildes. Es ist wie damals, als er sich jede Nacht an den zarten Rücken seiner früheren Geliebten schmiegen konnte. Für einem Moment geniesst Picasso dieses Gefühl, dann zuckt er zusammen.

„Buh!“ Lenny ist hat seine Tour durch das Museum beendet und kneift Anna mit beiden Händen so hart in die Rippen, dass seine kleine Schwester zu weinen anfängt. „Warum seid ihr so langsam? Ich habe schon alles gesehen. Es wird nicht besser. Alles Kinderkacke. Ich will nach Hause.“ „Du bist unverschämt. Ich zieh dir gleich die Ohren lang. Dann siehst du aus wie die Frau auf dem Bild“, sagt Ruth. „Dann bist du ein Alien“, sagt Anna und versteckt sich hinter ihrer Mutter.

„Kinderkacke? Alien? Habt ihr sie noch alle? Wie könnt ihr nur so über meine Jacqueline reden?“ Picasso ist erzürnt. „Ich muss etwas machen, sonst gehen die Kinder nie im Leben freiwillig in ein Museum und meine Werke würden schon bald vergessen“, denkt er. Dann kommt dem Geist eine Idee. Er verschmilzt mit Jacqueline und haucht dem Gemälde neues Leben ein.

Jacqueline blinzelt. „Es funktioniert. Eine Raupe zu sein war zwar einfacher, aber Mensch sein, ist gar nicht so schwer, wie er immer dachte. Vor allem nicht, wenn er in einem Bild bleiben kann“, denkt Picasso, der jetzt Jaqueline ist. Noch wartet Picasso auf den richtigen Moment, bis er sicher ist, dass Anna und Lenny ihn gleichzeitig anschauen. Jetzt. Lenny spuckt seinen Kaugummi in den Mülleimer und wendet sich gähnend seiner Schwester zu. „Warum findest du diesen Alien so spannend?“

Ein deutliches Zwinkern, dann huscht Jaqueline aus dem Bild, um gleich darauf im nächsten Rahmen wieder Platz zu finden. „Schau Mama! Der Alien lebt. Er ist vom einen Bild ins nächste geflogen“, sagt Anna. „Nein. Picasso hat nur sehr viele Bilder von Jacqueline gemalt, die alle hier ausgestellt sind. Er hatte sie wohl sehr gern“, sagt Ruth. Wieder zwinkert Jacqueline Anna zu und hält den Zeigefinger vor die Lippen.

Anna schweigt und Lennys Gesicht ist so starr, wie Picassos Mamorbüste an der Wand. Denn er sieht, wie Jacqueline schon wieder den Bilderrahmen wechselt und nun einen Blumenhut aufgezogen hat. Ruth bekommt von all dem nichts mit. Sie hat ihren Museumsgang aktiviert. So ist es ein Leichtes für Jacqueline, immer rechtzeitig ins nächste Bild zu huschen und sich in Szene zu werfen. Ruth bekommt von dem Spass nichts mit.

Jacqueline mit Hut. Jacqueline im Atelier. Jacqueline im Bett. Jacqueline im Garten. Jacqueline isst Fisch… Ohne Jammern und ohne sich an den Haaren zu ziehen folgen die Kinder ihrer Mutter durchs Museum. Jacqueline zwinkert immer wieder und hat mindestens genau so gute Laune wie Anna und Lenny.

Im letzten Bild, „Jacqueline auf dem Stuhl“, angekommen schaut Picasso den heimlich winkenden  Kindern traurig hinterher. Weit und breit sind keine weiteren Lausbuben in Sicht, denen Jacqueline Picassos Werke schmackhaft machen könnte.

Zum Glück kauft Ruth den Kleinen eine Postkarte. Jacqueline mit Katze. Als Anna auf der Rückbank im Auto die Karte hervorholt, um Jacqueline noch einmal anzusehen, zwinkert sie ihr zu.

 

Dieser Artikel ist nach einem Rundgang durch die Sammlung Rosengart in Luzern im Rahmen eines Schreibkurses vom MAZ entstanden.