Ottmar Hitzfeld wird 70: «Kahn hat die Weihnachtsfeier verlassen, sagte, das Kind sei krank, und ging in die Disco»

Der Grenzgänger Ottmar Hitzfeld spricht über Grenzerfahrungen und erzählt, wie er sich selbst zum FC Basel telefonierte und warum er bei den Bayern Elber und Pizarro eine Rekordstrafe aufbrummte.

Herr Hitzfeld, Sie sind eben von Lörrach nach Basel gekommen. Vermutlich kamen Sie schon als Baby in der Nachkriegszeit erstmals von Deutschland in die Schweiz. Was sind Ihre ersten Erinnerungen an diese Grenze?

Wir mussten immer den Pass zeigen. Jedes Mal haben die Grenzwächter kontrolliert, was wir dabei hatten, wenn wir zurückkamen. Denn oft gingen wir in die Schweiz, um einzukaufen. Bohnenkaffee zum Beispiel. Oder Schweizer Schokolade, Basler Brot, Messmocken. Man hat immer ein bisschen geschwitzt, wenn man zu viel dabei hatte (lacht).

Wie gingen Sie in einem solchen Fall vor?

Wenn die Zöllner fragten, sagte man einfach: «Nein, nein, wir haben nichts dabei.» Und wir wussten schon, welchen Weg wir nahmen, um zurück nach Hause zu gehen. Entweder der Hauptstrasse Lörrach-Basel entlang oder dann über die Wiese. Dort hatte es einen kleineren Zoll, an dem nur ein Zöllner stand, das heisst: Meist blieb er im Häuschen sitzen (schmunzelt).

Sie hatten von Anbeginn ein sehr nahes Verhältnis zur Schweiz.

Ja, mein Vater war Zahnarzt in Weil am Rhein. Fast alle seine Patienten waren Schweizer. So haben sich auch Freundschaften ergeben. Und in Riehen, direkt nach der Grenze, da gab es eine Firma, die einen eigenen Fussballplatz hatte. Mit richtigen Toren und Maschendraht-Netzen. Da gingen wir unter der Woche kicken. Für mich war das ein riesen Erlebnis.

Ottmar Hitzfeld - Hatte von Anbeginn ein sehr nahes Verhältnis zur Schweiz.

Ottmar Hitzfeld – Hatte von Anbeginn ein sehr nahes Verhältnis zur Schweiz. © Roland Schmid

Mussten Sie dann jedes Mal den Pass dabei haben?

Ja, ausser wir gingen über die grüne Grenze, dem Bahndamm entlang. Das war oft der kürzere Weg, gerade zu diesem Kickplatz (lacht).

Fussball war schon immer Ihre Leidenschaft.

Schon als Kind habe ich mit Freunden im Garten bei unserem Haus auf zwei Tore aus Teppichstangen gekickt. Im Stettemer Stadion, also auf dem Kickplatz, Stadion wäre übertrieben, wurden wir immer wieder davon gejagt vom Platzwart. In der C-Jugend habe ich dann jeweils drei, vier Tore geschossen pro Spiel. Weil ich ein guter Dribbler war und eiskalt vor dem Tor. Damals war es mein Ziel in der ersten Mannschaft von TuS Stetten, zweite Amateurliga, zu spielen. Von einer Spielerkarriere hätte ich nicht zu träumen gewagt, das war weit weg und ich zu bescheiden.

Helmut Benthaus instruiert seine Spieler, links aussen steht Ottmar Hitzfeld. Gemeinsam seien sie auch Atzteken-Tempel anschauen gegangen. © Keystone

 

Wie wurden Sie denn aufgenommen, als einer, der sich selbst empfahl?

Ich habe die Leistung im Training sprechen lassen, habe zwei, drei Tore geschossen, lief an den Abwehrspielern vorbei. Ich war gut drauf, gut vorbereitet, ausgeruht und konnte unter Druck eine gute Leistung abrufen. Aber ich habe jeden Spieler gesiezt. Hallo Herr Odermatt, Herr Muntschin, Herr Demarmels.

Gab es keine Sprüche?

Doch natürlich. Karli hat bald einmal gemeint: «Ah, da kommt wieder mal ein typischer Deutscher. Ehrgeizig, marschiert und kämpft.»

Haben Sie auch beim FCB eine Antrittsgage gekriegt?

Ich habe 600 Franken gekriegt im Monat. Das war ein ordentlicher Lohn für einen freien Studenten. Ich studierte in Lörrach an der pädagogischen Hochschule, Mathematik und Sport.

Sind Sie da auch mal an geistige Grenzen gestossen?

Ja, natürlich. Also vor allem in der Mathematik. Ich wusste aber schon, was ich ausrechnen kann und was nicht. In den Vorlesungen habe ich mich gerne in den hinteren Reihen aufgehalten (schmunzelt).  

Ottmar Hitzfeld hatte sich in den Mathe-Vorlesungen gerne in den hinteren Reihen aufgehalten.
Ottmar Hitzfeld hatte sich in den Mathe-Vorlesungen gerne in den hinteren Reihen aufgehalten. © KEYSTONE/AP/FRANK AUGSTEIN

 

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie sich für Sport und Mathematik einschrieben? Eigentlich war für Sie ja der Beruf als Pfarrer vorgesehen.

Das war mal der Traum meiner Eltern, ja. Wir waren halt jeden Sonntag in der Kirche. Im Bekanntenkreis gab es ein paar Missionare, zwei Familien. So bin ich mit zwölf Jahren nach St. Gallen gekommen, nach Mörschwil ins Missionsgymnasium. Aber ich hatte furchtbar Heimweh. Nach einem Vierteljahr kehrte ich nach Hause zurück. 

Sie haben wohl kaum nach Hause telefonieren dürfen.

Doch, einmal durfte ich. Unter Bewachung. Dann heulte ich am Telefon, war verzweifelt. Darum haben mich die Eltern dann auch kurze Zeit später abgeholt und ich ging fortan in Lörrach ins Gymnasium.

Sie haben eine sehr starke Verbundenheit zu Lörrach. Was ist es, was Sie mit diesem Ort verbindet?

Einfach alles. Die gewohnte Umgebung. Die Landschaft, das Haus, in dem man wohnt, die Schule, die Freunde, die Bekannten. Man fühlt sich geborgen. Wenn man an einen neuen Ort kommt, hat man keine Ansprechpersonen, muss sich orientieren, man fühlt sich ein bisschen verloren.

Es ist ein Seelenschmerz. Es waren nicht die Eltern, die ich vermisste. Wenn sie in die Ferien gingen, war das eigentlich ein Highlight. Dann haben wir länger ferngeschaut, waren im Wald, haben Streiche gespielt und Dinge gegessen, die man sonst nicht essen durfte.

Welche Grenzen haben Ihnen Ihre Eltern gesetzt? Sie sollen sehr streng gewesen sein.

 Ich habe nie Schläge gekriegt von Vater oder Mutter. Wobei doch, die Mutter hat uns ab und zu den Hintern versohlt, wenn wir etwas ausgefressen hatten. Die Schule war noch strenger, da hat der Lehrer noch Ohrfeigen verteilt. Heute würde man dafür verklagt.

Ottmar Hitzfeld: «Was heisst schon streng. Das war einfach die Zeit. Damals waren auch die Lehrer autoritär.»
Ottmar Hitzfeld: «Was heisst schon streng. Das war einfach die Zeit. Damals waren auch die Lehrer autoritär.» © Keystone

 

Wie war für Sie eigentlich der Übergang vom Fussballerleben ins Leben danach? Auch das ein Übergang, eine Grenzüberschreitung.

Das war ein einschneidendes Erlebnis. Eigentlich bin ich dann erwachsen geworden (lacht). Als Spieler hat man viele Freiheiten. Man hat zwar Verantwortung auf dem Platz, aber ansonsten wird einem alles abgenommen.

Das war schon damals so?

Man war privilegierter. Natürlich nicht so wie heute. Das kann man nicht vergleichen. Ich habe damals ja auch noch nebenher studiert. Das wäre heute auch nicht mehr möglich. Heute trainieren sie zweimal am Tag. Wir trainierten einmal in der Woche am Morgen, sonst immer abends um 18 Uhr. Ich konnte nebenher das Studium absolvieren. Das ginge nicht mehr. Vermutlich hätte ich meinen Weg in der Welt, wie sie heute ist, gar nie so gemacht.

Warum?

Weil ich wohl kaum nur auf Fussball gesetzt hätte. Dann wäre ich Fussballer gewesen und dann? Mit 33? Dann hätte ich keinen Beruf. Dieses Risiko wäre ich wohl nicht eingegangen, sondern hätte mich für den Lehrerberuf entschieden.

Sie sind nicht sonderlich risikofreudig.

Nein und ja. Risikofreudig insofern, dass ich mutig war. Sonst hätte ich Benthaus nicht angerufen. Meine Eltern wussten nichts davon, die hätten mir das verboten. Sie hätten das respektlos gefunden. Aber ja, ich habe immer alles rational betrachtet.

Auch vom Gefühl her. Man spricht ja von der inneren Stimme. Aber zuerst muss man mit der Vernunft alles unter die Lupe nehmen, bevor man entscheidet. So habe ich auf jeden Fall wichtige Entscheidungen getroffen.

An was für Entscheidungen denken Sie da?

Als ich zum Beispiel nach Basel zu Stuttgart ging und wir aufstiegen. Ich hatte immer wieder Leistenprobleme, was auch daran lag, dass ich an einem Beckenschiefstand litt. Das wurde früher noch nicht korrigiert und ich war öfter verletzt.

Da sagte ich mir, ich gehe lieber nach Lugano, weil dort das Niveau nicht so hoch war wie in der Bundesliga. Das war ein Vernunftentscheid für die Gesundheit. Nach diesen Prinzipien habe ich auch wichtige Entscheide als Trainer gefällt.

Wann fiel denn eigentlich die Entscheidung, Trainer zu werden?

Ich habe mich 1983 zum Lehramt angemeldet, wollte als Lehrer arbeiten. Aber das Schulamt in Freiburg meinte, weil ich zehn Jahre nicht als Lehrer tätig war, müsse ich eine Nachprüfung machen. Da hätte ich noch einmal viel büffeln müssen und das wollte ich nicht. Ich war sauer. Und sagte mir, dass ich es als Trainer probiere.

Ottmar Hitzfeld wollte nicht noch einmal für die Nachprüfung zu Lehrer büffeln. Deshalb versuchte er sich als Trainer. © Schweiz am Wochenende

 

Was in Zug klein begann, hat Sie bis ganz oben gebracht im Klub-Fussball. Sie haben mit Dortmund und Bayern die Champions League gewonnen. Bei Dortmund hat Ihnen der Körper Grenzen gesetzt. Sie erlitten einen Darmdurchbruch.

Ich hatte einen Hexenschuss, kurz vor einem Trainingslager. Man hat mir Cortison gespritzt, um mich fit zu kriegen. Ein Divertikel im Darm entzündete sich und platzte. Zum Durchbruch kam es eher wegen dieser Behandlung als wegen dem Stress.

Aber ja, ich hatte einen empfindlichen Magen-Darm-Trakt. Vermutlich weil vieles auf den Magen schlägt, wenn man viele Sorgen hat, viele Probleme, Druck, Stress. Es war auch ein Warnsignal, um mehr auf die Gesundheit zu achten.

Was haben Sie verändert?

Ich habe mich mehr darauf geachtet, welche Nahrungsmittel ich gut vertrage, habe meine Essgewohnheiten hinterfragt, meine Ernährung. Meine Frau Beatrix hat dann einiges umgestellt. Ansonsten wurden mir die Grenzen erst wirklich bewusst, als ich nach sechs Jahren bei Bayern 2004 ein Burnout hatte. Ich brauchte zwei Jahre, um mich davon zu erholen.

Sie zogen sich zurück.

In Engelberg, wo wir eine Wohnung haben. Damals dachte ich, dass ich nie mehr als Trainer arbeite. Nach anderthalb, zwei Jahren begann ich wieder zu studieren, als Angebote kamen. Das war ein Zeichen, dass es mir wieder besser geht. Nach zweieinhalb Jahren, im Februar 2007 hat mich Uli Hoeness angerufen. Magath hatte gerade gegen Bochum 0:0 gespielt, Bayern war nur Zweiter. Es hat gebrannt in München. Es war Magaths Ende.

Und da konnten Sie nicht mehr Nein sagen.

Ich habe spontan zugesagt. Aber für mich war klar, dass ich das nur bis Ende Saison mache. Februar bis Mai. Überschaubar. Da wusste ich, dass ich nicht in ein Burnout laufe. Zwei, drei Wochen später spielten wir in der Champions League gegen Real Madrid und warfen sie raus. In der Euphorie habe ich ein Jahr verlängert.

Haben Sie das später  bereut?

Nein, das nicht. Aber ich merkte schnell, dass ich Gefahr laufe, mich zu sehr zu strapazieren. Der Druck kam wieder, die Erwartungshaltung spürte ich stärker. Ich wollte aufhören, bevor ich in ein weiteres Burnout reinlaufe. Schon neun Monate vor Saisonende habe ich der Vereinsführung gesagt, dass ich nicht verlängern werde.

Wir waren zwar vom ersten bis zum letzten Tag auf dem ersten Platz, ein schönes Gefühl, aber die Vernunft hat sich auch dort durchgesetzt. Zugleich kam auch die Anfrage vom Schweizer Fussballverband. Von 50 bis 60 Spielen im Jahr mit Bayern auf 10 bis 15 Spiele mit einer Nationalmannschaft – das ist ein grosser Unterschied.

Von 50 bis 60 Spielen im Jahr mit Bayern auf 10 bis 15 Spiele mit einer Nationalmannschaft – das ist ein grosser Unterschied für Hitzfeld.
Von 50 bis 60 Spielen im Jahr mit Bayern auf 10 bis 15 Spiele mit einer Nationalmannschaft – das ist ein grosser Unterschied für Hitzfeld. © KEYSTONE/PETER KLAUNZER

 

Haben Sie lange überlegen müssen?

Nein, ich hatte immer ein gutes Verhältnis zur Schweiz. Sie ist mir näher noch als Deutschland, ich bin öfter in die Schweiz gefahren als in den Schwarzwald.  

Nachdem Sie 2014 Ihre Karriere beendet hatten, bot ein Klub aus China 25 Millionen Franken, um Sie aus dem Ruhestand zu locken. Sie lehnten ab. Was hätte es gebraucht, damit Sie schwach geworden wären?

Es war ein gigantisches Angebot, eigentlich unmoralisch. Man kann dazu fast nicht Nein sagen. Aber die Vernunft hat in diesem Augenblick die Grenze erkannt. Ich wollte nicht ein weiteres Jahr oder gar zwei Jahre meines Lebens opfern, um In China Geld zu verdienen.

Um diese Zeit kam mein erstes Enkelkind auf die Welt, das wollte ich auch erleben, zur Familie schauen. Ich habe damals auch mit meinem Sohn gesprochen, er wird ja wahrscheinlich mal das Vermögen erben.

Tatsächlich?

Ja, natürlich. Ich habe nie in meinem Leben annähernd so viel verdient. Aber da habe ich eine Grenze gezogen. Vielleicht auch durch die Grenzerfahrungen die ich gemacht habe mit dem Burnout.

China wäre eine ganz andere Herausforderung gewesen, eine ganz andere Kultur. Und das mit der Familie. Natürlich hätte ich auch die Familie meines Sohnes mitnehmen können. Wir hätten ein grosses Haus gekriegt. Oder zwei. Das wäre alles kein Problem gewesen.

Sie sagten trotzdem Nein.

Ja. Ich habe gelernt, zu Entscheidungen zu stehen, die ich einmal getroffen habe. Das ist ähnlich wie wenn man Aufstellungen macht. Kurz vor einem Spiel kommen fast immer Zweifel. Aber da bringt es nichts, alles über den Haufen zu werfen.

Hitzfeld: «Ich habe gelernt, zu Entscheidungen zu stehen, die ich einmal getroffen habe.»
Hitzfeld: «Ich habe gelernt, zu Entscheidungen zu stehen, die ich einmal getroffen habe.»

 

Das hat mich die Erfahrung gelernt. Ich habe unglaublich viele Entscheidungen gefällt als Trainer. Und ich hatte meiner Frau versprochen, nicht mehr Trainer zu sein. Wir lebten und leben noch immer gemeinsam in Lörrach, wir wissen nicht, wie lange wir noch zusammen haben.

Sie haben die Familie an die erste Stelle gesetzt. Wie ist es nun als Grossvater?

Fantastisch. Ein herrliches Gefühl. Als Grossvater kann man es vielleicht noch ein bisschen intensiver erleben. Weil man nebenbei nicht noch den beruflichen Stress hat. Ich kann meinen Alltag frei gestalten, habe keine Verpflichtungen. Das ist ein grosses Privileg.

Wie viele Enkel haben Sie?

Zwei, im Januar kommt der dritte. Henry ist 3, Carlotta 1 und Oskar ist auf dem Weg.

Sie werden heute 70. Entschuldigen Sie die Direktheit, aber fühlen Sie sich alt?

Ich bin eigentlich ein Typ Mensch, der immer im Jetzt lebt. Das Alter spielt im Augenblick keine Rolle. Wichtig sind Gesundheit und körperliche Verfassung. Ich fühle nicht wie ein 70-Jähriger, wie ich früher dachte, dass sich ein 70-Jähriger fühlen muss. Alles ist relativ.

Die Familie ist intakt, ich bin gesund, kann das Leben frei gestalten, fast wie ein Künstler. Der vielleicht über Jahrzehnte in den Tag hineinleben konnte. Mein Leben war vorher immer von Terminen bestimmt, alles war vorgegeben. Ich konnte nicht selbst bestimmen, wann in der Bundesliga gespielt wird und wann das Training ist.

Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?

Im kleinsten Kreis. Mit meinen zwei Geschwistern, meiner Schwiegermutter, der Familie. Ich mag nicht mit 60, 70 Leuten feiern. So wie ich meinen 50 gefeiert habe, in Lörrach und dann noch in München. Da waren es fast zwei Mal 100 Leute. Ich hatte kaum Zeit für alle, die ich einlud. Es war eher Stress. Die Erfahrung habe ich gemacht.

Ottmar Hitzfeld feiert seinen 70. Geburtstag im kleinsten Kreis.
Ottmar Hitzfeld feiert seinen 70. Geburtstag im kleinsten Kreis. © Keystone

 

Ich will den 70. Geniessen. In zwei Wochen feiere ich noch in München bei Bayern. Im engsten Kreis, mit dem Vorstand und Michael Henke. Sie wollten etwas Grösseres machen, mit Ex-Spielern, das wollte ich nicht.

Würden Sie im Rückblick in Ihrer Karriere etwas anders machen?

Nein, ich habe nie leichtfertige Entscheidungen getroffen. Alles war wohl überlegt. Darum stehe ich auch zu meinen Entscheidungen. Als ich zum Beispiel bei Aarau Trainer war, hatte ich ein Angebot von Servette. Der Milliardär Carlo Lavizzari hätte mir das Zehnfache geboten, was ich in Aarau verdiente.

Ich habe abgesagt, weil ich mir sagte, dass ich als Trainer langfristig arbeiten möchte. Nach dem Cupsieg und der Vizemeisterschaft wollte ich das bestätigen. Oder als ich 2004 bei Bayern aufhörte, war ich körperlich und psychisch angeschlagen, obwohl ich noch nicht wusste, dass es ein Burnout ist. Das erfuhr ich erst später.

Da sagte ich der deutschen Nationalmannschaft ab. Wer macht das schon. Oder 1997 sagte ich Real Madrid ab, nach dem Sieg in der Champions League mit Dortmund. Da war ich auch schon müde. Die Spannung war weg. Ich hörte auf als Trainer und war ein Jahr Sportdirektor. Da konnte ich mich erholen, da musste ich nicht mehr den Kopf hinhalten.

ARCHIV - 28.05.1997, Bayern, München: Damaliger Trainer von Borussia Dortmund, Ottmar Hitzfeld, raucht nach dem Sieg im Champions League Finale gegen Juventus Turin mit einer Pickelhaube auf dem Kopf genüßlich eine Zigarre. (zu dpa-Meldung: «Alles zu seiner Zeit: Ottmar Hitzfeld wird 70 Jahre alt» vom 11.01.2019) Foto: Achim Scheidemann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (KEYSTONE/DPA/Achim Scheidemann)
Ottmar Hitzfeld nach dem Champions-League-Sieg mit Borussia Dortmund 1997. 

 

Haben Sie die Entscheide alleine getroffen?

Ja, immer. Selbst meine Frau kann sich nicht in meine Situation hineinfühlen. Für sie wäre Real Madrid super gewesen, sie hätte Spanisch lernen können. Aber sie hat mir die Entscheidung überlassen.

Sie haben Entscheide immer nach ähnlichem Muster getroffen. Und vor allem auch nach Werten. Nach welchen?

Bodenständigkeit, Dankbarkeit, Respekt. Und ich habe immer grossen Wert darauf gelegt, durch meine Führungsphilosophie Respekt zu vermitteln, durch Ehrlichkeit. Dafür stand ich immer. Nur so kann man eine Gruppe führen. Man muss sich der Verantwortung bewusst sein. Das war ich mir als Spieler noch nicht.

Als ich Trainer wurde, wurde ich erwachsen. Ich habe eigentlich die ganze Freizeit in meinen Beruf investiert. Ich musste das praktisch neu lernen.  Zu Beginn brauchte ich für die Vorbereitung eines Trainings drei, vier Stunden. Später ging es Ruckzuck. Für eine Ansprache an die Mannschaft von zehn Minuten sass ich auch drei Stunden dran. Wie sage ich es, mit welchen Worten. Ich war eigentlich ein Autodidakt.

Bodenständigkeit, Dankbarkeit, Respekt - drei Werte welche die Entscheidungen von Hitzfeld beeinflusst haben.
Bodenständigkeit, Dankbarkeit, Respekt – drei Werte welche die Entscheidungen von Hitzfeld beeinflusst haben. © Keystone

 

Mein Anspruch war es, die Mannschaft so zu führen, wie ich selbst hätte geführt werden wollen. Mit dieser Empathie habe ich meinen Job gemacht. Da machte es keinen Unterschied ob ich den SC Zug trainiere oder Bayern München.

Um als Trainer die Mannschaft zu Spitzenleistungen zu führen, muss man sie dazu bringen, dass sie eigene Grenzen überwindet. Wie machten Sie das?

Das ist nicht so schwierig. Ich war immer der Auffassung, dass ein Trainer kein Guru sein muss. Wir haben Trainer erlebt, die Adler mit in die Teamsitzung gebracht haben. Oder sie liessen die Spieler über Scherben laufen. Aber was will man dann das nächste Mal machen? Willst du dich jedes Mal neu erfinden, um die Spieler neu zu motivieren?

Das ist schwierig. Was machten Sie?

Ich habe vor jedem Training zu ihnen gesprochen, ihnen gesagt, was ich von ihnen erwarte. Im Training, im Spiel. Ich habe sie in die Pflicht genommen. Wenn die Spieler nicht 100 Prozent konzentriert sind, kriegt man das nicht mehr hin.

Funktioniert das bei jedem Spieler?

Das weiss ich nicht. Aber auf jeden Fall bei der Mehrzahl. Sonst hätte ich kaum Erfolg gehabt.

Welche Grenzen mussten Sie als Trainer immer wieder ziehen?

Man muss die Mannschaft immer im Griff haben, die Zügel straff halten. Die Spieler müssen wissen, wie weit sie gehen können. Ich habe da ja fast schon eine Doktorarbeit gemacht in Psychologie bei Bayern München mit Oliver Kahn, Lothar Matthäus, Mario Basler, Stefan Effenberg. Das sind alles Persönlichkeiten, aber auch verrückte Typen. Die in den Griff zu kriegen, war schon eine Herausforderung.

Wie haben Sie das geschafft?

Ich habe es mir auch einfach gemacht, in dem ich Geldstrafen verhängte. Wenn es eine Schlägerei gab in einer Disco vor einem Spiel, war halt eine hohe Summe fällig. Oder bei Alkohol am Steuer.

War das Mario Basler?

Ja, ja. Er stellt das gerne anders dar, dass er gar nicht beteiligt gewesen sei. Aber das weiss ich besser. Oliver Kahn hat die Weihnachtsfeier verlassen, sagte, das Kind sei krank und dann war er in der Disco. Effenberg wurde mit Alkohol am Steuer erwischt. Das kann man als Trainer auch nicht dulden.

Und warum Geldstrafen?

Weil es für mich gerechter war. Viele sagen, dann setz ihn doch auf die Bank. Aber wenn ich einen Leistungsträger auf die Bank setze, dann schade ich mir selbst. Wenn ich statt Oli Kahn den zweiten Torwart spielen lassen und wir verlieren, dann bin ich am Schluss der Depp. Darum mussten sie hohe Geldsummen für einen karitativen Zweck bezahlen.

Ottmar Hitzfeld, links, Trainer des FC Bayern steht beim Mannschaftstraining am Montag, 8. Maerz 2004 in Muenchen neben Torhueter Oliver Kahn. (AP Photo/Uwe Lein)---Ottmar Hitzfeld, left, headcoach of Munich's soccer club FC Bayern stands next to goalkeeper Oliver Kahn during the team practice in Munich, southern Germany, Monday, March 8, 2004. Bayern will play a second round second leg soccer match vs Real Madrid on Wednesday. (AP Photo/Uwe Lein)
Ottmar Hitzfeld 2004 als Bayern-Trainer mit Torhüter Oliver Kahn.

 

Schmerzt Spieler eine solche Strafe?

Ja, egal wie viel sie verdienen. Sie müssen eine Strafe zahlen, das ärgert immer. Und wenn es nur ein Strafzettel ist. Die Spieler kriegen zwischen 20‘000 bis mittlerweile 50‘000 Euro Busse. Ich habe mal 100‘000 Euro Busse gesprochen.

Wofür?

Das war für Pizarro und Elber. Die rückten nach dem Winterurlaub zu spät ein. Sie sagten, sie hätten das Flugzeug verpasst und kämen einen Tag zu spät. Dann waren sie auch nicht da. Ich stand als Trainer vor den Medien und musste Fragen zu ihrem Verbleib beantworten.

Brazialian Giovane Elber, left, and Claudio Pizarro of FC Bayern Munich celebrate after scoring during their German soccer cup semifinal match against Bayer 04 Leverkusen at the Olympic stadium in Munich, Germany, on Wednesday, March 5, 2003. (AP Photo/Daniel Maurer)
Giovane Elber und Claudio Pizarro musste unter Hitzfeld mal 100’000 Euro Busse bezahlen. 

 

Sie kamen erst am dritten Tag. Sie machten zwei Tage länger Urlaub. Das war respektlos auch gegenüber dem Team, dem Verein. Da musste ich hart durchgreifen

Sie haben sehr viele unterschiedliche Spieler geführt. Wer hat Sie vor die grössten Herausforderungen gestellt

Matthias Sammer bei Dortmund.

Warum?

Weil er wie ein Trainer dachte. Schon damals. Er hat manchmal auch über die Taktik sinniert. Das ist natürlich für einen Trainer sind akzeptabel.

Wie haben Sie ihn in die Schranken gewiesen?

In dem ich viele Einzelgespräche führte mit ihm. Ich wollte ihm klarmachen, was es für mich bedeutet. Wenn er eine Aussage machte in der Presse habe ich sofort mit ihm gesprochen. Es gab keine Geldstrafe, sondern ich liess Argumente walten. Ein Spieler kann und darf nie die Aufstellung kritisieren. Oder die Taktik. Oder öffentlich darüber nachdenken. Der Spieler kann zum Trainer kommen und darüber diskutieren, aber nicht in der Öffentlichkeit. Ein Angestellter kann auch nicht öffentlich über seine Firma, den Vorstand herziehen.

Matthias Sammer.
Matthias Sammer. © Keystone

In Italien sind Sie einst mit dem Gesetz in Konflikt geraten, haben eine Nacht im Knast verbracht. Was genau geschah damals?

Eigentlich haben wir ja nichts verbrochen, bloss jemanden eingeschlossen. Ein Kollege ging in diesen kleinen Laden, so etwas wie ein Kiosk. Die Besitzerin hat den Schlüssel stecken lassen und wir haben aus Jux abgeschlossen. Erst ein paar Tage zuvor ist die Frau überfallen worden und kriegte Angst. Sie rief also umgehend die Polizei. Sie kamen ziemlich schnell und führten uns ab.

Wer war denn alles dabei?

Vor allem auch Fredy Gröbli. Der wollte am nächsten Tag heiraten in Zürich.

Wurden Sie in Handschellen abgeführt?

Nein, nicht gerade in Handschellen. Aber im Polizeiauto. Morgens um drei, vier Uhr durften wir dann nach Hause. Und er kam rechtzeitig nach Zürich zu seiner Hochzeit.

Gibt es noch eine Grenze, die Sie gerne überschreiten würden?

Nein, etwas Verrücktes muss ich nicht mehr tun. Den Fallschirmsprung habe ich auch schon hinter mir, also zwei, drei sogar. Mit dem Skifahren habe ich aufgehört.

Einen Ort?

Nein, obschon ich jetzt ja Zeit hätte für eine Weltreise. Ich war so viel unterwegs, habe so viele Städte besucht, Stadien gesehen, all die internationalen Spiele, das Leben im Hotel, da bin ich froh, wenn ich mal daheim sein kann. Erst seit zehn, elf Jahren wohnen wir in unserem Haus in Lörrach. Das geniesse ich umso mehr.

Das Ende des Heimwehs, quasi.

Ja, das kann man so sagen. Aber wenn ich jetzt in die Ferien gehe, habe ich kein Heimweh mehr (lacht).