Liebe Young Boys: Darum werdet ihr in Zukunft nicht mehr so schnell Meister

Liebe Young Boys, wir gratulieren fair zum absolut verdienten Meistertitel. Geniesst den Moment, denn schon bald wird wieder ein anderer Wind wehen. In Bern wird es stürmen, die Sonne wird dafür wieder in Basel scheinen. In einem Jahr dürft ihr uns dann wieder gratulieren, denn das Empire schlägt in der kommenden Saison zurück. Dann wird der FCB wieder von ganz oben in der Tabelle grüssen. Warum wir uns da so sicher sind? Wir haben die rotblaue Brille auf, da ist die Faktenlage eindeutig.

1. Bei euch gibts im Sommer den grossen Ausverkauf

Euer Linksverteidiger Loris Benito hat ja schon angekündigt, das sinkende Schiff zu verlassen. Auch Kevin Mbabu wird es nicht länger in der Super League aushalten und seinen Nati-Kollegen Djibril Sow gleich mitnehmen. Sicher überlegt sich auch Christian Fassnacht, ob er unter diesen Voraussetzungen nicht auch die Fliege macht. Der müsste wegen des Namens ja eigentlich eh schon längst in Basel oder anderswo im alemannischen Raum spielen. Wenn Roger Assalé dann auch noch geht, schreibt ihr trotz eines allfälligen Ausscheidens in der Champions-League-Qualifikation zwar vielleicht schwarze Zahlen. Doch sportlich sind die vielen Abgänge nicht einfach so zu ersetzen. Glaubt mir, wir sprechen aus Erfahrung. Auch wenn ihr jetzt den Marvin Spielmann aus Thun oder Ruben Vargas aus Luzern holt, heisst das noch lange nicht, dass das von Anfang an funktioniert. Dazu kommt die Dreifachbelastung. Zusammen mit dem grossen Umbruch ist das Gift.

Nati-Spieler Loris Benito (rechts) wird YB im Sommer verlassen.   © PETER SCHNEIDER

2. Hoarau und Co haben keinen Hunger mehr

Ok. Euer französischer Sturmtank Guillaume Hoarau wird bleiben. Auch vor Miralem Sulejmani werden wir weiterhin grössten Respekt haben. Doch die beiden Herren sind mittlerweile 35 und 30 Jahre alt. Mit zwei Meistertiteln im Gepäck wird es ihnen schwerfallen, sich für neuerliche Höchstleistungen aufzuraffen. Bock auf Umbruch hast du in diesem Alter selten. Wir kennen das nur zu gut. Fragt doch mal Valentin Stocker. Der ist mit dem FCB sechsmal Meister und dreimal Cupsieger geworden. Als Vali vor gut einem Jahr zurückkam, war er satt. Erst jetzt entwickelt er langsam wieder den Titelhunger früherer Tage. Dafür müssen wir euch danken, denn schliesslich habt ihr Vali und dem FCB die Titel geklaut, die wir uns jetzt wieder holen wollen. Wer in einer allfällige Finalissima in einem Jahr das entscheidende Tor schiessen wird, müssen wir euch ja nicht sagen.WERBUNG

Vielleicht wechselt Hoarau ja auch direkt ins Musikbusiness. Tönt ja ganz gut der Herr:

3. Ein einziges Wort wird euch verfolgen

Veryoungboysen. So ein schöner Begriff. Auch wenn in den letzten zwei Jahren mehr verbaselt als veryoungboyst wurde, wird der Fluch des Verlierers wieder zurückkommen. Ganz sicher. Denn seid doch mal ehrlich: Veryoungboysen ist einfach ein viel mächtigeres Wort als verbaseln. Veryoungboysen kannst du auf so viele Arten betonen, dass dir nie langweilig wird, probiert es ruhig mal aus. Und sollte euch das Wort nicht von alleine wieder einholen, werden wir es im Joggeli mit einem kollektiven Fangesang wieder heraufbeschwören: Veryoungboysen! Veryoungboysen! Hey! Hey!

So in etwa stellen wir uns das vor:

4. Euer Glück ist aufgebraucht

Kennt ihr dieses französische Sprichwort aus der Normandie? Wenn Du einmal Erfolg hast, kann es Zufall sein. Wenn Du zweimal Erfolg hast, kann es Glück sein. Wenn Du dreimal Erfolg hast, so ist es Fleiss und Tüchtigkeit.

5. Der VAR wird euch so manchen Punkt kosten

Wir haben ganz genau hingeschaut. Zehn Mal wurdet ihr in dieser Spielzeit bereits durch Schiri-Fehler unmittelbar vor einem Tor, bei Platzverweisen oder bei einem Elfmeter bevorteilt. Das ist Ligaspitze. In der nächsten Saison wird der Videoschiedsrichter in diesen Situationen hoffentlich eingreifen. Klar wurdet ihr auch siebenmal benachteiligt, doch Summasummarum hättet ihr in der VARen Tabelle zwei Punkte weniger. Die könnten 2020 wieder entscheidend sein.

Sechs Kameras liefern in Zukunft die Bilder, mithilfe derer der VAR den Schiedsrichter auf Fehlentscheidungen aufmerksam macht.
Sechs Kameras liefern in Zukunft die Bilder, mithilfe derer der VAR den Schiedsrichter auf Fehlentscheidungen aufmerksam macht.© Peter Schneider/KEY

6. Unser schwarzer Peter wurde zum Trumpf

Euer 3:1-Sieg im Dezember 2018 im Joggeli, als ihr uns in der zweiten Halbzeit schwindlig gespielt habt, hat bei uns ein kollektives Umdenken ausgelöst. Im Nachhinein war es ein Segen, dass die Spieler nach dieser Niederlage zum Präsidenten liefen und sich über Trainer Marcel Koller beklagten. Seitdem ist uns bewusst geworden, wie wichtig die Kommunikation ist. Wir spielen jetzt ganz viel Eile mit Weile – kein Scherz – und reden dabei über alles, was uns in den Sinn kommt. Das hilft, schweisst zusammen und allfällige Probleme werden so im Keim erstickt. Auch der Herr Koller hat für seine Spieler jetzt immer ein offenes Ohr und andersherum verstehen unsere Kicker jetzt auch, was der Trainer von ihnen will.

Marcel Koller redet jetzt viel mehr mit seinen Spielern.
Marcel Koller redet jetzt viel mehr mit seinen Spielern.© KEYSTONE/AP/KERSTIN JOENSSON

7. Schon jetzt sind wir wieder auf Augenhöhe

Unser 2:2 beim letzten Aufeinandertreffen brachte den Beweis: Wir sind schon jetzt wieder so gut wir ihr. Seit 13 Spielen haben wir nicht mehr verloren, dabei neun Siege und vier Unentschieden geholt. Klar, bei den anderen acht Teams in dieser Liga ist es wirklich schwierig zu verlieren. Doch weil ihr gegen Luzern gleich mit 0:4 aus dem Cup geflogen seid, sind wir auf dem besten Weg, diese Saison ebenfalls mit einem Titel zu beenden.

8. Dank Indien spielen wir immer international

Chennai-City-Präsident Rohit Ramesh, FCB-Präsident Bernhard Burgener, FCB-CEO Roland Heri und Chennai-City-Co-Inhaber Krishnakumar Raghavan posieren in Neu-Delhi. Dort wurden die Kooperationsverträge unterzeichnet.
Chennai-City-Präsident Rohit Ramesh, FCB-Präsident Bernhard Burgener, FCB-CEO Roland Heri und Chennai-City-Co-Inhaber Krishnakumar Raghavan posieren in Neu-Delhi. Dort wurden die Kooperationsverträge unterzeichnet.© Jakob Weber

Auch wenn wir in der dritten Europa-League-Quali-Runde wieder irgendwo auf einer Insel im Mittelmeer ausscheiden sollten, sind wir international voll im Geschäft. Vorausschauend, wie es sich für ein zukunftsträchtiges Unternehmen gehört, haben wir in Indien in den wachsenden Fussballmarkt der Zukunft investiert. Zugegeben, der Start unserer Beziehung verlief nicht ideal. Die Presse wusste vor vielen unseren Mitarbeitern Bescheid, die Fans gingen auf die Barrikaden und dann wurde unseren Partnern in Chennai auch noch Korruption vorgeworfen. Doch in ein paar Jahren werdet ihr uns alle beneiden. Die Champions League gewinnst du als Schweizer Team in Asien leichter als in Europa. Holt euch doch auch einen indischen Klub. Dann duellieren wir uns auf zwei Kontinenten.

Und ihr habt dann vielleicht auch eine schöne Fussballfanhymne:

9. Eure Fans wenden sich wieder dem Hockey zu

In Sachen Zuschauer habt ihr uns auch überholt. Glückwunsch. Doch sobald ihr nicht mehr alles gewinnt, werden sich die Berner – vor allem die aus den ländlichen Regionen – wieder dem Eishockey zuwenden. Für zwei grosse Klubs sind unsere Städte einfach zu klein. Hier in Basel bleiben momentan zwar einige Fans lieber zu Hause statt ins Stadion zu gehen, doch sie verfolgen dort den FCB und würden sich nie einer anderen Sportart zuwenden.

Mit dem SCB habt ihr eine grosse Konkurrenz in der eigenen Stadt.
Mit dem SCB habt ihr eine grosse Konkurrenz in der eigenen Stadt.© KEYSTONE/ALEXANDRA WEY

10. Wir haben den besseren Nachwuchs

In unserem aktuellen Kader sind zehn Spieler aus dem eigenen Nachwuchs. Schon jetzt stehen ausländische Topklubs bei Noah Okafor Schlange. Auch Eray Cömert, Yves Kaiser und Yannick Marchand spielen in den U-Nationalmannschaften wichtige Rollen und gehören zweifelsohne zu den besten Schweizern ihres Jahrgangs. Und übrigens: Wir haben noch zwei weitere Okafors in den U-Mannschaften. Die sind nach Aussage ihres älteren Bruders noch besser als er.

Hier ist das bislang schönste Tor von Noah Okafor:

     © SFL

11. Euer Wunsch sei uns Befehl

Euer Sportchef Christoph Spycher hat ja in einem Interview mit dieser Zeitung selbst gesagt: «Ich will durch eine Krise gehen.» Diesen Wunsch werden wir ihm gerne erfüllen.

© KEYSTONE/ANTHONY ANEX

Dieser Artikel wurde auf bzBasel.ch veröffentlicht.